Schleudertrauma

Notaufnahme nach Auffahrunfall. Absurd. Komplett absurd. Über mir ein Feuermelder mit meinem Geburtsdatum. 1410/9.

Ich trage eine Halskrause. Die drückt doof. Ich glaube, sie ist nicht nötig. Ich liege. Ich sehe den Rauchmelder, die abgeblätterte Farbe an der Decke, ein Drittel Kopf neben mir. Alt, zur Überwachung. “Warum?!”, brüllt der Arzt. “Den muss man nicht überwachen!”
“Weiß nicht.”, mault die Schwester. Und dann: “Scheiße!” Weil da was liegt, was da nicht liegen soll. Ob jemand den Scheiß mal wegräumen könnte. Superstimmung.

Das Drittel Gesicht neben mir wird weggeschoben. “Kann mir mal jemand helfen? Hier ist alles verstopft.” Die Schwester randaliert mit stummer Patientin auf Bett. Die Patientin liegt in dem Bett wie ein Requisit.

“Ich wusste nicht, dass sie da liegt.” Nebenan im Zimmer eine irritierte Frau. Hinter mir Kotzgeräusche. Husten, kotzen, husten, husten, kotzen. Etwas Stinkendes wird an mir vorbeigeschoben, eine Stinkende. “Wusste jemand, dass sie offene TBC hat?” Kotz, kotz, röchel, röchel. Ich steife ein. Nicht neben mich schieben, bitte. “Was macht die denn hier, hat uns das jemand gesagt? Ist das unser Bereich?” Mir egal, Hauptsache, die bleibt schön dahinten. Meine Brust ist eng.

“Sind Sie Frau Fricke?” Die Ärztin geht mit hängender Brille von Rollbett zu Rollbett. Die Stumme, die nichts mehr sagen kann, ist dann wohl Frau Fricke. Alle anderen sind es ja nicht. Mein Rücken drückt.

“Was macht die Wirbelsäule denn da?” Bin ich die Wirbelsäule? Ich habe mich hingesetzt, muss schreiben.
“Ach, auch egal.”
Falls ich die Wirbelsäule bin, kommt es auf mich entweder nicht so an, oder ich bin wegen der Halskrause sicher.

“Schreiben Sie jetzt ein Buch über uns?” Ich lache.
“Das hat schon jemand vorher getan, sie sind zu spät!” Die offene TBC kotzhustet.
“Herrjeh, können wir ihr mal einen Mundschutz ummachen?”
Superidee.
“Ich kann nicht alles gleichzeitig!” Die Pflegerin schreit entnervt. Hat lange keiner mehr ‘Scheiße’ gesagt.

Mein Mückenstich juckt. Die Internisten haben mehr zu tun als die Chirurgen, darum muss ich wohl nur eine Stunde warten. Ich soll an der Halswirbelsäule geröntgt werden. “Ich war zwei Stunden im Schockraum, ich krieg hier nix mit.”
Beate macht was. Wenn sie zurück ist.
Dummer Spruch, weil Beate noch nicht zurück ist.
Beatus, Beata: heißt das nicht ‘die Schöne’? Oder ‘die Milde’? Vergessen. (Später nachgeguckt: ‘glücklich, reich, begütert’ heißt es.)

Ich war erstaunlich ruhig bei dem Unfall. O.k., ich habe angefangen zu weinen, das ist bei so einem Schreck wohl normal. Aber ich bin sitzengeblieben. Hat ja keinen Sinn, wenn ich draußen zusammenrausche.
Espenlaub. Schon mal gesehen? Das zittert hübsch silbrig im Wind. Ich beginne zu packen. Es kommen Leute, nette Leute. Der Paketbote, hinter dessen Auto ich anhielt, weil er links abbiegen wollte. Der Unfallfahrer, der mit gefühlt 50 in mich hineingedonnert ist. Die Passantin, der Passant. Auftritte, wie in einem Theaterstück.

Die Warnblinkanlage geht nicht, der Wagen springt nicht an. Ich bitte, 110 und 112 anzurufen. Wird gemacht. Sie kommen öfter, reden mit mir. Ich sage, wo das Warndreieck ist. Ich öffne den Kofferraum mit einem Klick auf den Schlüssel. Später werde ich feststellen, dass sie den Kofferraum gar nicht geöffnet haben können, denn er ist komplett verzogen und verklemmt. Aber das Warndreieck finde ich aufgestellt auf dem Rücksitz. Rätselhaft.

Ich packe weiter ein. Die Plastikblume, die ich mal auf dem Dom geschossen habe. Das Plüschnilpferd. Ich habe das Plüschnilpferd gerettet, aber den selbstgebastelten Lederschlüsselanhänger nicht. Hoffentlich bekomme ich ihn wieder.

Die Wagentür wird geöffnet. Der Sanitäter fragt, ich antworte. Alle sind sehr empört, dass ich ohne Papiere unterwegs bin. Ich hatte mein Portemonnaie nicht gefunden und musste schnell auf einen Termin. Da bin ich ohne gefahren. Darf ich das jetzt sagen, oder wird das gegen mich verwendet? Ach ja, ich bin ja nicht schuld an dem Unfall, ich stand ja.

Auf dem Boden liegen Autoteile. Knirschend und hupend fahren andere darüber. Hallo, hier steht ein Krankenwagen mit Blaulicht, hier stehen Unfallautos und ihr hupt? Da, ein VW-Schild. Wieso denn VW? Mit welchem Wagen bin ich denn losgefahren? Ich fahre doch gar keinen VW? Blick auf die Mittelkonsole. Blick aufs Lenkrad. Nee, kein VW.
Ein Glück, ich war nicht mit meinem Wagen unterwegs. Oh, ich war nicht mit meinem Wagen unterwegs! Aber ich bin ja nicht schuld. Dann ist das mit dem Schaden ja nicht so schlimm. Glaube ich. Vielleicht mache ich auch alles falsch.

Sie legen mir eine Halskrause an, zur Sicherheit. “Mach schön eng,” sagt der Sanitäter, der sich auf die Rückbank gequetscht hat. Ich habe einen sehr schlanken Hals. Kann man nachstellen, die Krause. Warum eigentlich Krause? Im Krankenhaus behalten sie mich und die Krause da. “Wir haben davon noch ein paar im Wagen”, versichert der Sanitäter. Scherz, Scherz. Gibt es einen hamburgweiten Hilfsmittelrücklauf?

Mehrfach wird auf dem Gang eine alte, gebrechliche Frau an mir vorbeigefahren. Ihr linkes Bein ist nackt, sie wurde wohl geröntgt. Wenn man sie nicht herumfährt, liegt sie auf ihrem Bett am Rand des Krankenhausflurs, lamentiert und stöhnt Unverständliches. Die Menschen hier sollten nicht so allein sein. Es wäre besser, wenn es Begleiter gäbe, die mit ihnen sprechen.
Längste Stunde, allerlängste.
Ich lese meine Krankenakte. Dringlichkeit MTS: gelb/3. Rot/1 ist das Schlimmste, blau und 5 ein glatter Witz.

Um 17 Uhr bin ich gekommen. Jetzt ist es 18:15. Um 16:30 war der Unfall. Um 17:10 sollte ich bei meinem Termin sein. Mein Mann ist informiert. Der Termin ist informiert. Der Wagen wurde irgendwohin geschleppt. Die Straße musste frei werden, daher Blaulicht. Der Sanitäter voll Mitgefühl, er hatte Weihnachten einen Unfall, auf der Autobahn. Er fuhr 100, ein anderer rammte ihn mit 150. Der Wagen des Sanitäters drehte sich, er stand mit der Schnauze zur Leitplanke und BÄNG! knallte noch jemand mit 80 in die Seite. “Und wissen Sie was? Nur Oberschenkelprellung, sonst nichts.” Wir reden übers Glück.

Vor Krankenhausnotaufnahmen sitzen immer die Beinamputierten in ihren Rollstühlen und rauchen. Zeigt das eigentlich jemand in den Arztserien im Fernsehen? Muss unbedingt rein.

Ob ich auf Toilette gehen darf? “Sie sitzen aber hoch?” Stimmt, mein Rollwagen ist ganz oben, ich hocke schreibend drauf. Ob ich schon dran wäre, wenn ich noch liegen würde? Ich frage lieber nach der Toilette, sonst denken die später noch, ich sei einfach weggelaufen.

Erstmals ein Spiegel. Oh, ich sehe nicht mehr so gepflegt aus wie vorhin. Meine Haare hängen herunter und diese alberne Wirbelsäulenstütze. Die Sanitäter hätten ja wenigstens den Verschlusszipfel rankletten können. Die Kloschüssel sieht nicht aus wie eine Freundin. Die offene TBC, war die hier? Ob man auch am Po Sterilium…?

Mein Untersuchungsraum hat die Nummer 9. Ein Kind weint. Die Pflegerin entschuldigt sich, als sie noch einmal hineinkommt: “Ich bin gleich wieder weg.” Offenbar habe ich mir einen höheren Status erarbeitet, eine Art Privateigentum. Vom Gang ins Untersuchungszimmer. Mir wird langweilig.

18:50. Die wimmernde Oma wird endlich angesprochen. Ob ihr das Knie so weh tue? Dabei sei damit wohl gar nichts. Na, mal sehen. Tragenwechsel, sie wird weggebracht. Meine Rückenmuskeln schmerzen müde. In Zimmer 8 gegenüber hampelt ein zehnjähriges Mädchen in der Tür. Ich hample zurück, sie verschwindet. Bei 35 Jahren Altersabstand enststeht keine Hampelsolidarität. Im Papierkorb entdecke ich eine weggeworfene Halskrause. Ich könnte meine dazupacken und gehen.

Röchelndes Husten um die Ecke. Ein Pfleger zieht sich einen Mundschutz über, läuft in die Richtung, blafft: “Könnense mal die Hand vor den Mund halten? Das wäre ganz nett!” Nebenan schreit das Knie mit leiser Stimme aua, aua. Ja, man kann mit leiser Stimme schreien, sogar ganz ohne. Intubierte Babys tun das, wenn der Schlauch durch die Nase führt.

Der Arzt. Abtasten, röntgen, Gespräch. Ich soll kein Schleudertrauma googeln, alles Quatsch. Allein in der Halbwirbelsäule habe ich acht Gelenke und damit acht Zerrungen. Und was machen Fußballspieler, wenn sie das im Knöchel haben? Eis draufpacken. Also nur nicht heiß duschen, wenn ich mich auch morgen noch bewegen können will. Brief an niedergelassene Ärztin, ab.

Endlich nach Hause. Das Krankenhaus ist abgelegen, ich nehme einen Bus. Der bringt mich zu einem anderen Bus, der wieder zur U-Bahn. Weit mehr als eine nicht so lustige Stunde liegt vor mir. Aber wenigstens kein Krankenhaus mehr, darum warte ich nicht, bis ich abgeholt werde, sondern steige ein.

“Papa, wann sind wir zu Hause?”
“In 10 Minuten.”
“Wann??”
“In 10 Minuten!”
“Aber wann ist das denn?”
“Du meinst, wie spät es dann ist?”
“Ja, wie spät?”
“Viertel vor Neun.”
“Viertel vor… Das ist aber spät.”
“Ja.”
“Das sag ich Mama!”
“Nein, das sagst du nicht Mama, das bleibt unser Geheimnis.”
“Du kriegst großen Ärger.”
“Unser Geheimnis. Sonst fahren wir nicht wieder zusammen los.”
“Wie spät noch mal?”
“Siehst du dann ja.”
“Nein sag. Viertel vor… oder Neun? Du musst es mir sagen. Ich sag es auch nicht Mama.”
“Ich weiß nicht genau.”
“Du weißt es wohl genau. Sag schon.”
“Das siehst du dann ja.”
“Ich muss es wissen.”
“Ist vielleicht ganz gut, wenn du das nicht so genau weißt.”
“Ich kann nicht an mich halten, ich muss es dann Mama erzählen. Ich kann einfach nicht anders.”

Der Vater lächelt nicht zurück, obwohl ich vor Lachen fast platze.

29. Mai 2015 von Britta Freith
Kategorien: Fensterblick, In der U-Bahn, Stilkritik | 4 Kommentare

Einmal umbeeten, bitte

Mein Garten leidet unter einigen unerwünschten Gästen, die regelmäßig dort auftauchen, wo sie keiner will. Neben Schnecken und Maulwürfen sind es Hahnenfuß, Quecke, Giersch und Brennnessel. Ich habe über die Aufdringlichkeit insbesondere des Kriechenden Hahnenfußes schon einmal gebloggt.

Die Erdbeerpflanzen leiden besonders unter zu engen Umarmungen. Ich bin im Augenblick allerdings auch viel unterwegs, manchmal eine Woche lang nicht da. Also komme ich gerade nicht hinterher mit der Gartenarbeit. Bei den Erdbeeren sah das gestern noch so aus:

IMG_8324

Ich hab’s erst mit Rupfen versucht, aber es half nichts: Schließlich habe ich jede Erdbeerpflanze aus der Erde geholt und ihr liebevollst die Wurzeln gesäubert. Zwei dieser Maurerbütt waren nach zwei Stunden voll mit Hahnenfuß, Quecke und einem gräßlichen Zeug, von dem ich nicht weiß, was es ist. Die Blüte sieht aus wie Wegwarte, aber die großen Blätter nicht. Ich muss die mal bestimmen, die Wurzeln sind hier überall.

IMG_8321

So sah das Beet nach einer Stunde aus. Man ahnt das Gesamtelend zur Zeit:

IMG_8323

Schließlich habe ich die kräftigen Pflanzen mit vielen Knospen wieder eingepflanzt. Als Partner hier Knoblauch, den finden Erdbeeren gut.

IMG_8325

Heute früh habe ich dann Holzasche um die Pflanzen gestreut, als Dünger. Enthält Kalium, soll Pilze und Fäulnis hemmen – genau wie der Knoblauch übrigens.

IMG_8329

Danach habe ich eine dünne Grasschnittdecke als Mulch drübergegeben. Sieht hier nicht so aus, aber ist wirklich nur eine dünne Schicht. Ich will ja nicht, dass die Decke fault, sie soll abtrocknen und den Boden schützen. Früher habe ich es mal mit Stroh versucht, aber das fanden die Schnecken als Versteck super. Also gibt es kein Stroh mehr. Und Plastikfolie mag ich nicht – ist mir außerdem zu teuer.

IMG_8331

Alternativ könnte man auch schwarze Schieferplatten nehmen. Die sammeln Wärme, schützen den Boden und halten die Früchte später fern von der Erde. Finde ich spannend, nur ist Hamburg dafür nicht ganz die richtige Gegend :)

11. Mai 2015 von Britta Freith
Kategorien: Garten | Schreibe einen Kommentar

Madrid – El Rastro

Jeden Sonntag gibt es in Madrid einen großen Straßenflohmarkt mit einer weiten Bandbreite von Billigkrams über Themen-T-Shirts und Skurrilitäten bis hin zu Antiquitäten. In freien Ecken (davon bleiben nicht viele) stehen Bands, hier und da eine lebende Statue oder jemand tanzt. Wir waren am ersten warmen Wochenende des Jahres (im März) dort, es war voll, voll, voll.

Einen besonderen Dienst bietet dieser Mann: Er schreibt gegen eine Themenvorgabe Gedichte zum Mitnehmen auf einer alten Schreibmaschine.

P1050033

P1050031

Es ist laut. Es ist rhythmisch. Mehr als nur ein Massenauftrieb.

P1050035

Ja, es war eng. Und heiß.

P1050038

Lebende Statuen wie diese sieht man überall in Madrid. Sie sind immerhin besser als jene Gestalten, die einem penetrant verkleidet nachlaufen und sich auf Fotos drängen. Nicht viele, zum Glück.

P1050040

Can Can?

P1050059

Oder lieber Flamenco?

P1050042

Etwas ruhiger ist es auf dem Gehweg hinter den Ständen. Da gibt es auch Essen.

P1050039

Und ausgefallenere Antiquitäten in festen Läden.

P1050064

Es ist bunt.

P1050061

Und vielfältig.

P1050067

Auch in den Bars ist es voll, aber das Essen ist gut und günstig – also reinquetschen. Besonders viel zu lachen hat man mit der Bedienung, wenn man wie ich kein Wort Spanisch spricht, aber trotzdem alles erklärt haben will.

P1050068

Wo man am meisten sieht? Vielleicht von oben.

P1050071

El Rastro. Ich würde wieder hingehen.

09. April 2015 von Britta Freith
Kategorien: Reisen | Schreibe einen Kommentar

Das dreckige Dutzend. Die 12 meistgehassten Gartentipps

Gartenbesitzer kennen das: Kaum hat man einen Garten, trifft man sehr viele Personen, die alles besser wissen. Gerne auch ungefragt. Hier meine persönliche Hitliste der Gartentipps, die garantiert langweilen oder unbeliebt machen. Selbst und intensiv erfahren in einem Garten über 400 jedoch unter 1000 Quadratmetern. Mit einem großen Dank an Neugartenbesitzerin und Namensschwester Britta Janzen, die zwei fantastische selbsterlebte Tipps beigesteuert hat.

Weitere formidable Ratschläge lese ich gern! Einfach ab damit in die Blogkommentare.

Platz 12
„Warum baust du eigentlich keinen Spargel an? Das wäre doch mal cool.“

Sicher. Und aufwändig und raumgreifend. Außerdem dauert es lange bis zur ersten Ernte. Finde ich super, wenn das jemand macht, aber mir reichen die Erbsen, Bohnen, Kartoffeln, Erdbeeren, Radieschen, Salate…

Platz 11
„Wir haben zum Wassersparen eine Regentonne“

Regentonne

Und vermutlich nur einen Garten von 3 Quadratmetern. Wenn ihr eine Regentonne im großen Garten habt, könnt ihr im Sommer drei Tage lang auf dem Kinderbeet mit Wasser spielen. Alles darüber hinaus braucht einen Erdtank mit einem vernünftigen Fassungsvermögen ab 4000l. Viel Spaß beim Auskoffern. Noch besser ist natürlich eigenes Grundwasser. *träum*

Platz 10
„Hast du schon mal Kaiserkronen gegen Wühlmäuse versucht?“

Kaiserkrone

Hast du schon mal Kaiserkronen gerochen? Auch, wenn sie aus der Erde kommen? Und hast du daran gedacht der Wühlmaus vorher die Infobroschüre „Wühlmäuse mögen keine Kaiserkronen“ hinzulegen? Nicht? Na dann… (Jaja, ich habe diesen Tipp auch schon gegeben. Mittlerweile jedoch: hüstel.)

Platz 9
„Also, ich hätte ja Hühner!“

Hühner

Bestimmt hat die Ratgeberin schon oft Hühnerställe ausgemistet, bei so einem tollen Tipp. Und macht nie mehr Urlaub. (Und ja, diese Bemerkung kommt von einer Frau. Immer.)

Platz 8
„Viel Moos im Rasen. Du solltest mal vertikutieren.“

Was man nicht alles sollte. Oder vielleicht auch lassen kann. Besonders, wenn man noch Krokusse, Schneeglöckchen, Scharbockskraut und Wiesenschaumkraut behalten möchte. Und im Herbst die wunderbaren Pilze. Aber bitte, wer mag…

Platz 7
„Ein Handmäher ist ja so viel besser für den Rasen!“

Muhahaha. MuhahahaHAHAHA. Bestimmt. Besonders ab 300 Quadratmeter Rasenfläche aufwärts. Geh weiter spielen.

Platz 6
„Maulwürfe stehen unter Naturschutz“

Maulwurf

Mag so sein, aber spätestens, wenn das Maulwesen alle Blumenzwiebeln hochgewurft hat und man selbst mit einem Gips im Bett liegt, weil man im gut unterhöhlten Boden weggesackt und umgeknickt ist, ist einem das sowas von egal. SOWAS VON!

Platz 5
„Für einen Eimer Brennnesseljauche ist immer Platz“

Unterschlagen wird bei diesem Tipp gern, dass man dann nicht mehr im Garten sitzen kann. Die Nachbarn hassen einen außerdem. Denn Brennesseljauche stinkt, stinkt, stinkt. Sagte ich, dass sie außerdem stinkt?

Platz 4
„Halt dir doch ein Schaf als Rasenmäher“

Schafe

Lies doch mal die ersten Seiten meines Buchs Unser Schaf- und Ziegenhof. Dann weißt du, warum das eine doofe Idee ist.

Platz 3
„Gegen Nacktschnecken helfen Laufenten“

Laufenten

Gern ergänzt durch „Laufenten sind sooo lustig“. Wenn man einen großen Hof hat, sind sie das sicher. Wenn man 100-500 qm Rasen hat, sollte man künftig nicht mehr barfuss laufen. Garten einzäunen nicht vergessen. Die Beete am besten gleich mit. (Gilt auch für Platz 4. Da jedoch höheren Zaun wählen.)

Platz 2
„Ich habe die Beete schon alle frühlingsfit!“

Übersetzt heißt das: „Es ist März und ich habe jede Mulch-, Blatt- oder Schutzschicht heruntergehackt und geharkt, damit die Erde ja schön austrocknet, Bodenfröste gründlich zuschlagen können und die Bodenlebewesen möglichst hops gehen.“ Setzen, 6.

Platz 1

(Von diesem Ratschlag bekomme ich mindestens zehn Sofortpickel.)

„Giersch kannst du auch aufessen“

Giersch

Klar. Besonders, wenn man mehr als 8 Quadratmeter gierschdurchwurzelten Boden hat, hat man immer wahnsinnig viel Appetit drauf. Echter Protipp, gerne von Menschen, die nie mehr als drei Balkonkästen ihr Eigen nannten.

 

Und, was sind eure Ratschläge?

___________________________________

(Oh, und diese Ratschläge darf man ganz oder teilweise teilen, aber nur mit Erwähnen der Urheberin. Kommerzielle Seiten, Zeitschriften oder Medien mit Gewinnabsicht dürfen diese Tipps nur nach vorheriger Rücksprache und mit meiner Erlaubnis  verwenden.)

23. März 2015 von Britta Freith
Kategorien: Garten | 34 Kommentare

Entdeckungen aus Pflanzen auf der Internorga

Messebesuche sind einerseits anstrengend, andererseits aber ziemlich anregend. Jedenfalls wenn es so eine große Messe ist wie die Gastronomiemesse Internorga in Hamburg und man sich im Newcomerbereich herumtreibt. Das habe ich am vergangenen Montag vorwiegend getan und einige spannende Produkte aus Pflanzen entdeckt.

Aus dem Weißen der Zitrone

Albedo heißt die weiße Schicht, die man bei Zitrusfrüchten zwischen Fruchtfleisch und Schale findet. Also das ledrige Zeug, das meist im Mülleimer landet. Muss es aber nicht. Die Firma Herbafood Ingredients hat einen Weg gefunden, diesen Stoff zu etwas Nützlichem zu machen. Sie entziehen dem Albedo das Pektin, geben in den Rest Wasser, machen etwas Geheimnisvolles damit und haben danach eine Masse, die von der Textur und Farbe an eine Mehlschwitze mit nur wenig Flüssigkeit erinnert. Ich habe probiert: Basic Textur, wie es jetzt heißt, schmeckt nach nichts. Nichtmal nach Tapetenkleister. Total neutral. Vom Mundgefühl vielleicht wie elektrisch püriertes Kartoffelmus mit Wasser.

IMG_8091

Mit diesem Grundstoff kann man eine Menge machen, denn er dickt an – und zwar in warmen und kalten Gerichten. Er eignet sich für Soßen, Eiscrème, Süßspeisen, man kann ihn in der Wurstzubereitung verwenden usw. usf. Wirklich vielseitig. Und vegan ist er auch noch. (Was als Wurstzutat natürlich egal… aber lassen wir das.) Was ich nicht gefragt habe, weil es mir erst jetzt beim Schreiben einfällt, ist, wie das neue Dickungsmittel verdaut wird. Es ist kalorienneutral, wird also mutmaßlich einfach wieder ausgeschieden?

IMG_8089

Mir hat das Probe-Dessert, das nur nach den pürierten Früchten schmeckte, jedoch eine Mousse-Struktur hatte, gut geschmeckt. Die Macher haben für ihre Idee einen Innovationspreis bekommen. Ich setze ja selbst gern möglichst unverarbeitete Nahrungsmittel ein, darum wüsste ich gern noch mehr über den Verarbeitungsschritt nach dem Pektin-Entzug hin zum fertigen Produkt. Aber grundsätzlich bin ich nicht abgeneigt. Ich benutze ja auch Gelatine und Agar Agar. Einen Werbe- und Erklärfilm zu Basic Textur gibt es auf Youtube.

Gurken zum Trinken

Mutige Menschen mag ich. Menschen, die etwas wagen, die ihre Ideen umsetzen. So wie Vasco Emmanuel Kulke und Till H.F. Fischer-Bergst. Mit Stabsieb und Kaffeefilter bewaffnet haben sie Im Sommer 2014 angefangen mit Gurke und Basilikum zu experimentieren, um ein neues Getränk zu kreieren. Ein halbes Jahr haben sie herumprobiert, bis sie schließlich fertig waren: Cucumis heißt die süffige Mischung, die pur nach gleich der nächsten Flasche schmeckt. Löscht Durst, ist lecker und dazu vermutlich noch gesund. Ein echter Wurf. Mit Gin zusammen ein Cocktail, ohne Alkohol für die ganze Familie. So ist es auch gedacht, sagen die beiden Erfinder: Der Drink soll zeitlos und für alle sein. Ziel ist es, dass er genauso selbstverständlich wird wie zum Beispiel eine Apfelsaftschorle.

IMG_8095

Tatkräftige Freunde haben den Gründern geholfen, rechtzeitig zur Internorga fertig zu werden. Bis zur letzten Sekunde wurde am Messestand geschraubt. Es ging das Gerücht, jemand anders bastele vielleicht auch an einem Gurkendrink, da war Schnelligkeit gefragt. Hat geklappt, es war ein würdiger Start. Einer der Freunde verrät, dass Vasco Emmaanuel außerdem ein ziemlich begabter Musiker ist. Habe ich natürlich gegoogelt: Hier ist er bei Soundcloud.

Inzwischen gibt es auch eine Kooperation mit einer Mosterei, die Biogurkensaft produzieren will. Denn Cucumis soll ein reduzierter, ökologisch korrekter Drink sein. Überhaupt kann man offenbar von Mostereien viel Unterstützung bekommen, wenn es ums Erschaffen von neuen Getränken geht. Sind sie gut, stehen sie einem mit vielen Tipps zur Seite. Ist übrigens nicht ganz einfach mit Gurkensaft in Flaschen, denn pasteurisierte Gurke wird gelblich und trüb, das sieht nicht lecker aus. Pasteurisieren muss man allerdings, sonst hält das Getränk nicht. Mit der Zugabe von Chlorophyll (also natürlichem Blattgrün, das Pflanzen zur Photosynthese brauchen) ließ sich das Farbproblem lösen.

Ich jedenfalls mag Cucumis und würde es garantiert bestellen, weil es frisch und leicht schmeckt –und natürlich nach Gurke. Das mag ich viel lieber als Apfelschorle (die ich nur im Notfall trinke). Meine Daumen für den Erfolg des Gurke-Basilikum-Drinks sind also fest gedrückt.

Palmblatt, Bambus und Zuckerrohr

IMG_8102

Wenns gepunktet ist, ist es aus Bambusblättern, ohne Punkte aus Palmblatt. Diese Faustregel habe ich am Stand von PacknWoodgelernt. Das gilt natürlich nur für die Produkte, die entfernt an Blätter erinnern. Die ganz einfarbigen und regelmäßigen Schüsseln, Becher oder Tütchen sind aus Zuckerrohrblättern – wüsste man das nicht, könnte es auch Pappe sein. Ach, ich erwähnte das noch nicht speziell: Es geht um moderne Lebensmittelverpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen. Sabine Schlimm von Schmeckt nach mehr war mit mir unterwegs und hat mir erzählt, dass die ganze Branche gerade am Boomen ist. Das liegt daran, dass es immer mehr Straßenmärkte und Imbisse gibt, die auf exotische Snackvarianten setzen. Statt Pommes in Pappe isst der moderne Mensch Chili vom Palmblatt.

IMG_8105

Aus einer Palmblattschüssel habe ich neulich erstmals in der Schweiz gegessen. Da war ich ganz erstaunt, dass ich Einweggeschirr in der Hand hatte. Fasst sich an wie leichtes Holz, sieht außerdem schick aus. Würde ich mir auch so ins Regal stellen. Aber ich habe nachgefragt: Wenn man etwas anderes als Trockenfutter hineintut, eignet sich Geschirr aus Palmblatt nur für einmaligen Gebrauch. Man darf aber Suppe nachnehmen 😉

IMG_8097

Am liebsten würde PacknWood alles aus nahwachsenden Rohstoffen herstellen. Einen Schwerpunkt legt die Firma auf Stoffe, die nicht dem Nahrungskreislauf entzogen werden. Darum sind die durchsichtigen Plastikdeckel auch nicht aus Maisstärke sondern aus tatsächlichem Plastik. Zudem würde sich Maisstärke bei warmen Gerichten einfach auflösen.

20. März 2015 von Britta Freith
Kategorien: Rezept, Rezeptionsbefehl | 2 Kommentare

← Ältere Artikel