Einseitige Gespräche (11): Gruselig und Weihnachtszauber

Im Moment fahre ich sehr viel U-Bahn, aber die Leute telefonieren nicht mehr ganz so viel – oder sie halten die Hand vor den Hörer. Andere wieder schalten den Gesprächspartner gleich im Videochat auf laut und vergessen ihre Umgebung. Manchmal aber sitzt ein altmodisches Gespräch direkt gegenüber. So wie hier. Mitte-Ende 40, weiblich, dem Alter entsprechend modisch gekleidet („szenig“/Schanze, aber wohnt im Vorort).

Hallo Mausi!

Ja.

Gruselig.

Da müsste ein Päckchen heute angekommen sein. Das gehört untern Weihnachtsbaum.

Ja. Du bekommst das zu Weihnachten. Das ist von Tante Leni.

Ich bin um halb drei in A.

Ja.

Ja.

Kannst du machen.

Bis gleich.

Brauchst du noch was von Edeka?

Zimtsterne, ja.

Hab ich gestern schon Brot geholt, kannst du mal gucken?

Mh.

Wie bitte?

Was ist voller Schnee?

Dann muss ich nachher noch Brot mitnehmen. Was möchtest du denn zum Trinken mitnehmen zur Weihnachtsfeier?

Orangina?

Dann bis nachher! Tschühüß, Küsschen.

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Weitere einseitige Gespräche? Hier bitte.

13. Dezember 2017 von Britta Freith
Kategorien: In der U-Bahn | Schreibe einen Kommentar

Was ich mir jetzt wünsche #Wahl2017

Der Wahlausgang hat mich nicht überrascht, insofern spare ich mir Anmerkungen dazu. Ich bin allerdings überrascht, dass einige überrascht sind. Doch auch das will ich nicht weiter vertiefen: Jede Person lebt ihren eigenen Illusionen nach.

Nach der Wahl habe ich die Elefantenrunde und Anne Will geguckt. Mir gefielen die lebhaften und engagierten Diskussionen. Da waren erkennbare Meinungen und Positionen. Das habe ich in den vergangenen Monaten vermisst, dass PolitikerInnen deutlich zu ihren Themen standen und auch keine Angst hatten anzuecken.

Genau das wünsche ich mir für die Zukunft: Dass  auch die im demokratisch-freiheitlichen Denken verwurzelten Parteien keine Angst mehr haben, Ecken und Kanten zu zeigen. Dass sie nicht weiter versuchen, alle mitzunehmen, die ihnen eine Stimme geben könnten. Besonders wünsche ich mir, dass diese Parteien nicht am rechten Rand herumschippern, um geistig Verdunkelte wieder an Bord zu schöpfen. Sie sollen sich von den Nationalisten und Antidemokraten sehr fern halten und stolz auf ihre freie Haltung sein. Sie sollen mit eigenen Ideen und Programmen punkten und konstruktiv Demokratie, Menschen und Wirtschaft voranbringen.

Gleichzeitig sollen sie bitte soziale und integrative Programme fördern, und zwar für alle Gesellschaftsschichten. Es darf nicht vom Einkommen abhängig sein, welche Chancen man bei uns hat. Es darf auch nicht sein, dass geflüchtete Menschen, die ein, zwei, drei Jahre auf den Entscheid warten, ob und wie lange sie hier bleiben dürfen, in dieser Zeit nicht vernünftig Deutsch lernen können, weil sie keine Deutschkurse bekommen. Egal ob arm oder neu in diesem Land: Bildung ist für alle Menschen das Allerwichtigste. Hier muss das meiste Geld fließen. Ebenso wenig geht es, dass Wohnghettos mit neu Zugewanderten gebildet werden, die sich dann z.B. „Perspektive Wohnen“ nennen oder „Folgeunterkunft“, in deren Umgebung aber keine Deutschen wohnen und der Bus nur einmal in der Stunde fährt. So geht Integration nicht, so schafft man frustrierte, chancenlose Menschen, die keine Mitbürgerinnen und Mitbürger werden können.

Außerdem wünsche ich mir, dass alle, die ihre Meinung sagen, das mit Haltung tun. Ehrenwert, mit Stil. Ich möchte gutes Benehmen, Offenheit, ohne vulgär zu werden oder hetzerische Parolen aufzugreifen. Was gesagt werden muss, soll weder in Euphemismen verkleidet, noch aus Mistkübeln verschüttet werden. Wer deutlich ist, kann dennoch freundlich sein. Offensive Freundlichkeit ist eine feine Sache, sie macht auch gute Laune, ohne einen blöden Nachgeschmack hinterher. Freundlichkeit wird unser Land sehr voranbringen.

25. September 2017 von Britta Freith
Kategorien: Flucht, Flüchtlinge, Meinung, Politik | 1 Kommentar

Die Tücke von POS-Maßnahmen

Nicht jede lustige Marketing-Idee ist auch eine gute. Das gilt insbesondere dann, wenn zu viele unberechenbare Faktoren (= unbekannte Menschen) auf sie Einfluss nehmen.  Manchmal stirbt die Idee direkt vor Ort, so wie diese Quinoa-Keimlinge.

Dabei hat die Firma Bohlsener Mühle etwas richtig Gutes angestoßen: Sie vertreibt nämlich in Norddeutschland angebauten Bio-Quinoa. Auf der Website steht, was dahinter steckt, wie man ihn selbst anbaut, und gewinnen kann man auch etwas. Dass der Quinoa-Import aus Andenstaaten sehr problematisch ist, wurde hinreichend beschrieben, u.a. hier und hier. Umso schöner, wenn die heimischen Alternativen funktionieren.

Nur diese POS-Idee* funktioniert eben nicht. Vielleicht hätte ich sie mir, gartenbegeistert wie ich bin, zunächst auch so ähnlich ausgedacht. Leider sind die Mitarbeiter des Supermarkts, in dem der Aufsteller platziert wurde, nicht so pflanzenaffin wie ich. Oder sie haben nicht hinreichend Zeit – oder beides. Zwar haben sie die Saat noch ausgesät (wenn das mal nicht der Kundenbetreuer der Bohlsener Mühle selbst war),  die Samen wurden auch noch gewässert, aber dann sind die Keimlinge eingegangen. Irgendjemand, das kann man an den feuchten Stellen auf der Erde sehen, hat noch versucht, etwas zu retten, aber die Wassergabe kam zu spät. Und selbst, wenn es Quinoa gerne karg hat: Ganz so so trocken mochte er es dann doch nicht.

Der Text auf der Tafel ist vermutlich vorgegeben – er macht es noch schlimmer: Denn liebevoll gepflegt ist hier nichts, das fällt auch negativ auf den Supermarkt zurück: „Wenn die das als liebevoll bezeichnen, wie gehen sie dann erst mit dem nebenstehenden Gemüse um?“, könnten kritische Kunden denken. Wer ein bisschen Ahnung hat, findet vielleicht noch: „War immerhin so frisch, dass er keimte.“ Aber dieses Fazit ist wohl eher unwahrscheinlich.

Die Bohlsener Mühle hat übrigens einen Pflanzwettbewerb, da kann man seinen fröhlich gewachsenen Quinoa fotografieren und einen Pflanzkasten gewinnen. Auf der Website findet man ihn. Da hätte ich doch die ganze Sache gleich anders angelegt: Verkauf des Quinoas mit deutlich sichtbarem Rezeptvorschlag und zusammen mit einem kleinen Saatset, das auch Kinder anspricht. Erzählen, dass man den Quinoa auch selbst aussäen kann und dazu aufrufen, sein Foto einzuschicken. Wenn es ein Produkt wie Quinoa-Kekse oder Kräcker gibt, auch davon noch eine Probe dazupacken. Im Gegenzug die Idee mit den toten Keimen einstampfen. Zum Beispiel.

Ich habe das schon öfter erlebt: In der Marketingabteilung haben Mitarbeiter eine schöne Idee, die aber unbedingt das Engagement des Verkaufsteams im Supermarkt fordert. Das kann man meistens vergessen. Erstens ist man nicht das einzige Unternehmen, das dort präsentiert. Die Mitarbeiter, die häufig nicht die Ladeninhaber sind, haben kein gesteigertes Interesse daran, ein Produkt zu promoten. Je zeitaufwändiger, desto schlimmer. Häufig sind es anhnungslose Marketingabteilungen, die Flyer, Rezepte, Merchandising-Produkte für die Tonne beauftragen. Alles sehr hübsch, aber oft ist dann das Feedback, dass es in den Märkten nicht genutzt wurde. Hergestellt, ausgeliefert, weggeworfen. Nicht an die Tüte an der Bedientheke getackert, nicht am richtigen Ort ausgelegt, nicht mit einem kurzen Verkaufsgespräch überreicht. In Zeiten des Fachkräftemangels und der Personaleinsparungen findet so etwas bis auf wenige Ausnahmen einfach nicht statt. Daher braucht es Ideen, die mit wenig Aufwand für die Verkäuferinnen in den Märkten quasi wie von allein funktionieren. Und Marketingabteilungen mit Fachwissen, die nicht daran glauben, dass die billigere Variante am Ende die günstigere ist. Ist sie nämlich auch hier wieder einmal nicht.

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*POS = Point of Sale – Verkaufsstandort bzw. Laden

14. Juni 2017 von Britta Freith
Kategorien: Garten, Marketing | Schlagwörter: , , , , | 4 Kommentare

Wie nett, Omelette!

Im Urlaub möchte ich unbedingt kochen. Andere Menschen gehen in ihren Ferien vielleicht gern essen (ich auch, ja), aber wenn ich außerdem nichts Örtliches einkaufen und zubereiten kann, werde ich unleidlich. Gerade bin ich im Languedoc, der Frühling ist hier bereits fortgeschritten und die Nahrung sprießt förmlich aus dem Boden. Also war ich mit dem Liebsten auf dem Markt und wir haben bei so richtig echten Bauern und Sammlern eingekauft:

Einkäufe vom Markt: Kartoffel, wilde Zwiebeln, Pilze, Eier, wilder Spargel

 

Auf dem Bild zu sehen ist oben links eine große geschälte junge Kartoffel, daneben ein Zwiebelgewächs, das ich nicht identifizieren konnte: Es riecht ein bisschen nach Knoblauch, könnte aber auch eine weiße junge Zwiebel sein. Darunter liegen zwei Bund Waldspargel (asperagus selvatico, nicht zu verwechseln mit dem sogenannten wilden Spargel; die Foodhunter haben es gut erklärt). Die Eier sind bio, die Pilze waren getrocknet, darum habe ich sie eingeweicht (etwa eine halbe Stunde) und das Wasser dann abgegossen. Zwei alte Leutchen haben sie uns verkauft – deren Alter war uns ein Indikator dafür, dass sie Ahnung von Pilzen haben. Vorsichtshalber habe ich die Fotos Lilian geschickt, der ich in Sachen Pilzen traue. Stockschwämmchen könnten es sein, meinte sie, aber das man die seeehr leicht mit giftigen und unverträglichen Pilzen verwechseln könnte, und sie ließe lieber die Finger davon. Weil in Frankreich zunächst alles „Champignon“ heißt, brachte mich das nicht weiter. Hoffen wir, dass sie nicht zu den Pilzen gehörten, die erst nach zwei Tagen unsere Innereien zersetzen.

geschnittene Kartoffeln, Zwiebeln, Spargel mit Messer auf Brett

Kartoffel, Zwiebelgewächs und Waldspargel habe ich klein geschnitten. Die Kartoffelscheiben wurden in Salzwasser bissfest, während Zwiebeln und Pilze im Olivenöl in der Pfanne schmurgelten. Pilze brauchen ihre Zeit, das liegt am Chitin. Zu kurz gegart bleibt der Pilz zäh.

Omelett in der Pfanne

 

Kartoffeln abgegossen, getrocknet und dazugegeben, kurz darauf Spargel und Ei. Salz und Pfeffer sowieso. Und dann alles auf den Teller und in der Sonne im Garten genossen. Simpel und so gut!

Omelett mit wildem Spargel und Pilzen auf dem Teller

11. April 2017 von Britta Freith
Kategorien: Garten, Reisen, Rezept | Schreibe einen Kommentar

Die Post ist Geschichte

Die Post ist Geschichte? Das sagt zumindest unser Postbote. Nennen wir ihn Herrn Hassenröther.

Briefe im Briefkasten

„Herr Hassenröther!“, sage ich. „Wie kann das sein? Ich habe am vergangenen Samstag am Flughafen Briefe verschickt, 20 Stück. Am Sonntag war Leerung. Einer kam am Dienstag zurück, der ging nach Dänemark. Ich hatte zu wenig draufgeklebt. Meine Schuld. Aber der erste Brief kam am Mittwoch beim Empfänger an, in Bayern. Die Hamburger hatten ihn erst am Freitag. Köln am Donnerstag. Am Freitag kam ein zweiter Brief Richtung Dänemark zurück, auch zu wenig Porto. Erst Samstag war der Brief Richtung Österreich wieder da, selbes Spiel. Herr Hassenröther, was läuft da schief?“

Herr Hassenröther sieht mich mit seinem immer gleichen Lächeln an. „Einsparungen,“ sagt er. „Die Briefe kommen mal so an und mal so. Das ist Zufall.“ Ich kenne meinen Postboten seit fast 20 Jahren. Er ist sogar einmal mit mir umgezogen, an der neuen Adresse war er wieder da. Seine Pause macht er vor meinem Bürofenster. 10 Minuten, 1 Zigarette. Zu Weihnachten gibt es selbstgebackene Kekse. Wir haben ein Vertrauensverhältnis.

„Aber Herr Hassenröther, dann muss sich die Post ja nicht wundern, wenn sie immer luschiger wird und die Menschen sie nicht nutzen!“
„Wer verschickt denn heute noch Briefe? Ich muss doch schon seit Jahren die Briefkästen mitleeren, weil sie auf der Strecke liegen. Es ist kaum etwas drin. Die Sendungen werden dann erst am Folgemorgen vom Laster weggebracht, weil ich zu spät zurück bin. Also brauchen sie mindestens zwei Tage. Es gibt ja die E-Post, die wird digitalisiert. Die können Sie nutzen.“

Ich stelle mir vor, wie die liebevoll gestalteten Briefe von irgendwem aufgerissen, eingescannt und per E-Mail verschickt werden und möchte das nicht. „Und mit dem Porto ist es so,“ fährt Herr Hassenröther fort: „Früher hatten wir EU-weit das gleiche. Aber auch die Postminister streiten sich, alle streiten sich ja in der EU. Also wollen die jetzt alle ihr eigenes Porto, jeder will etwas abhaben. Darum wird es teurer.“

Mein Adhoc-Wissen reicht nicht einzuschätzen, ob es tatsächlich noch Postminister gibt. Herr Hassenröther trägt eine blaugelbe Paketausträger-Kluft, fährt ein Postauto und hat eine Festanstellung. Verbeamtet, das hat er mir mal erzählt. Verdient nicht viel, aber hat regelmäßig Urlaub und bekommt wohl auch die Überstunden bezahlt. Vielleicht hat er noch einen Postminister

„Aber warum kommen die Briefe alle zu unterschiedlichen Zeitpunkten an und zurück, ich habe sie doch alle zusammen eingesteckt? Ein Freund hat noch gar nichts, der wohnt nur 30 Kilometer von hier.“
Herr Hassenröther ist die Treppe schon wieder halb unten: „Woher soll ich das wissen? Es ist, wie es ist!“
Ich rufe ihm hinterher: „Aber Amazon? Zalando? Doc Morris? Da läuft es doch auch!!“
Herr Hassenröther winkt mir aus seinem gelben Lieferwagen zu: „Wussten Sie, dass Sie Ihre Briefmarken individuell gestalten können? Geht ganz einfach online!“

18. März 2017 von Britta Freith
Kategorien: Arbeitsalltag | Schreibe einen Kommentar

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