Oh Terroir! *

Ich bin verreist, ich bin in Frankreich. Das Tolle an Frankreich ist ja, dass man hier so gut essen kann. Nahezu unglaublich gut. Die französische Landküche liebe ich noch mehr als die italienische, weil sie ursprünglicher ist. Eine bodenständige Raffinesse. Zwar esse ich auch sehr gern italienisch, aber im Grunde sind es mir dort immer zu viele Nudeln. Außer, es gibt Risotto, aber dann bin ich zu schnell satt, um viele verschiedene Dinge zu probieren. Das taugt dann auch wieder nichts. Vermutlich kommt mir die Liebe der Franzosen zur Kartoffel auch näher, als die Liebe zu guter Pasta. Pasta hieß in meiner Kindheit zwingend Miracoli, und das Zeug hat ein Trauma ausgelöst, dass sich nur schwer endgültig bearbeiten lässt.

Ich komme vom Thema ab: In Frankreich zu sein bedeutet, günstig, gut und frisch auf Märkten einzukaufen. Ich weiß nicht, was die Leute immer mit angeblich hohen Lebensmittelpreisen in anderen europäischen Ländern haben. Ich bekomme ich Frankreich zwei jeweils handgroße (Finger ausspreizen!) Brote und einen Ziegenfrischkäse mit derselben Grundfläche für insgesamt 8,90 Euro. Sowohl Brot als auch Käse waren direkt vom Erzeuger, der Käse aus Rohmilch, das Brot einerseits mit Kürbisfleisch und Kürbiskernen, andererseits mit gemahlenen Nüssen. Köstlich.

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Wir haben es noch direkt am Fuße des Denkmals von Jeanne d’Arc verspeist – nein, nur fast, denn wir haben nur die Hälfte des Brots und den Käse essen können. Danach waren wir satt. (Und ich bin mit einem großen hungrigen Mann unterwegs.) Nebenbei haben wir das Treiben auf dem Markt bestaunt.

 

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Sehr geduldig stehen die Menschen zwischen 17 und 20 Uhr am Gemüsestand in Orléans an, um – Überraschung! – Salat, Gemüse und damit ihr Abendessen zu kaufen. Danach wird es etwas leerer, denn dann wird ja irgendwann gekocht. Seit einigen Jahren gibt es übrigens eine intensive Bewegegung für lokales und biologisches Essen in Frankreich; es ist eine wahre Freude. In einem Bio- und Fairtrade-Markt erzählte mir eine Mitarbeiterin heute von Biotüten (vergleichbar unseren Biokisten). An diesem Marktstand kann man die Tagestüte des lokalen Erzeugers kaufen. Der Inhalt ist auf dem Schild aufgelistet:

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Ein Stück weiter der Brotstand: Croissants und andere Vienneroiserie (süßes Gebäck), Tomatenbrot, Sauerteigbrot, Früchtebrot, Brioche, Zuckerkuchen, Baguette… auch hier immer mehr Produkte aus Biomehl. Bei diesem Anbieter war die Sorte des Mehls sogar detailliert auf dem Schild ausgewiesen.

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Niemand wird sich wundern, dass wir gegen 18 Uhr nur noch blörps sagen konnten. Gegen 21.30 war der kleine Hunger für eine leichte Abendmahlzeit jedoch wieder da. Es gab also frischen grünen Salat (1 Euro vom Markt), mit gerösteten Walnüssen (Garten) und Feige (Garten), darüber Walnussöl eines lokalen kleinen Herstellers (Flasche 500 ml, 10,80, puh. Bitter, aber sehr walnussig, lohnt sich. Und ist ein schönes Souvenir.). Vom Quittenbaum im Garten war eine Quitte gefallen, die habe ich geschält, kleingeschnitten, und daraus mit etwas Wasser, Cidre und Zucker ein Kompott gekocht: Erst die Quitten weichkochen, dann noch einmal bei geöffnetem Deckel sprudelnd reduzieren (=Wasser verdampfen lassen). Die gab’s zum Crottin de Chavignol, wobei unser kein frischer, sondern ein harter war, den man beinahe mit der Axt kleinkloppen musste. Fast ein bisschen zu salzig, aber mit dem Quittenkompott prima. Das Baguette von gestern habe ich mit Olivenöl in der Pfanne geröstet (es ist nicht schwarz geworden, das sieht nur auf dem Foto so aus) und mit gehackten, entkernten Tomaten (Markt, kg 2,80) belegt. Dazu gab es noch Radieschen (gigantisches Bund 1 Euro) und das Brot, das wir nachmittags nicht gegessen hatten. Und einen Schluck Cidre. Köstlich!

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*Als “Terroir” bezeichnen Franzosen die Erde und die klimatischen Einwirkungen einer bestimmten Region. Das Terroir hat direkten Einfluss auf den Geschmack der Nahrungsmittel – sowohl der festen, als auch der flüssigen. “Regionales Essen” wäre zu kurz übersetzt. Terroir ist vielleicht so etwas wie die essbare Seele eines Landstrichs – zusammengesetzt aus der Bodenbeschaffenheit und den übrigen natürlichen Umweltbedingungen. “Au Terroir” nennt man ursprüngliche Lebensmittel aus der jeweiligen Region. Franzosen kaufen gern “au Terroir” – und als interessierter Tourist ist es auch eine gute Idee.

17. Oktober 2014 von Britta Freith
Kategorien: Reisen, Rezept | 1 Kommentar

Brotpudding mit Äpfeln

In unserem Brotkorb ist immer ein Bodensatz: nicht aufgegessene Knuste (=Brotenden), die letzte Scheibe, das vergessene Stück – alle schon mehr oder weniger hart. Mich ärgert die Verschwendung, aber ich mag das olle Brot auch nicht mehr essen. Immerhin bewahre ich es auf, wie ein Eichhörnchen. Aber wozu eigentlich? Weißbrot schreddere ich in der Küchenmaschine zu Paniermehl, das geht gut. Oder ich mache Crostini, Croutons oder Bruschetta daraus, wenn es noch nicht ganz so hart ist. Das Misch- und Körnerbrot eignet sich dazu geschmacklich nicht so gut. Gibt es nicht Brotpudding? Google, google

Ich ignoriere, dass sich Körnerbrot angeblich nicht eignet, und erinnere mich daran, dass ich auch schon Kuchen mit Sonnenblumenkernen gebacken habe. Also zerkleinere ich alles Brot, außer den Rest mit den Oliven. Der wird mal Spezialpaniermehl. Einige Stücke sind schon so hart, dass ich das Messer brauche, um sie kleinzukriegen. Rein in die Schüssel, Milch drauf.

Milch Brotpudding

Zwei Stunden stehen lassen, sagen die Rezepte. Hilft bei hartem Vollkornbrot nicht: Meins braucht zum Aufweichen vier und hätte auch gut über Nacht einweichen können. Außerdem muss ich die Schüsseln wechseln, weil die erste zu klein ist. Am Ende habe ich einen ganzen Liter Milch über das Brot gegeben. Schließlich ist es hinreichend weich. Ich entscheide mich für 4 Eier und eine kleine Tasse voll Zucker. Die Eiweiß schlage ich zu Schnee und gebe sie erst ganz zum Schluss in die Teigmasse.

Eier-Brotpudding

Nun zum Aroma. Eine Handvoll getrocknete Weinbeeren sind noch da, dann nehme ich einen Esslöffel von dem Masala, das mir Frollein Doktor mal aus Nepal mitgebracht hat. Zimt, Kardamom, Koriander, Nelken oder was man sonst so liebt passen genau so gut. Aber irgendwie reicht mir das noch nicht. Also nehme ich zwei große knackige Äpfel (in meinem Fall Doppelter Prinz) und mische sie gewürfelt unter.

Brotpudding-Äpfel

Jetzt noch den (gezuckerten!) Eischnee. Ich bewahre 1/3 auf, weil ich an Foto und Verzierung denke. Wer keine Eischneehauben mag, zieht einfach alles vorsichtig unter den Teig.

Man kann Brotpudding im Wasserbad machen, das ist vermutlich klassischer. Schneller geht es in der flachen, gebutterten Auflaufform, da braucht er 45-60 Minuten bei 175°C. Wenn er schon fest und ein bisschen braun ist, streiche ich den Eischnee obendrauf und lasse den Pudding noch 10-15 Minuten im Ofen. Die Temperatur kann dann auf 150°C runter.

brotpudding

Am besten schmeckt er frisch und warm! Eine sehr angenehme, erstaunlich locker-saftige Mischung, gerade mit dem etwas deftigeren Körnerbrot. Die Äpfel im Teig haben noch ordentlich Biss. Bestimmt passt Vanillesauce gut dazu.

09. Oktober 2014 von Britta Freith
Kategorien: Rezept | Schreibe einen Kommentar

Preisansage: ein Tischlerinterview

Menschen aus kreativen Berufen kennen das Problem: die Preisfrage. “WAS? SO? TEUER? IST? DAS?!!!!” ist die dazugehörige, gefürchtete Kundenreaktion. Gern gebracht werden auch “Aber das Konzept ist doch nur eine DinA4-Seite lang.”, “800 Zeichen tippe ich in weniger als 2 Minuten.”, oder “Mein Internetprovider hat auch Webbaukästen.”. Nun denn, so ist es. Ich will das Thema hier gar nicht vertiefen, sondern erzählen, was ich bei einem beruflichen Netzwerktreffen in Kaiserslautern entdeckt habe. Nämlich ein Schild in einem Schaufenster:

Tisch Preisschild

Zuerst hatte ich die Möbel angeguckt, es war nämlich ein Möbelgeschäft. Nachdem mir gefiel, was ich sah, wollte ich wissen, was es kostet. Und entdeckte außer dem Preis auch Materialbedarf und Zeitaufwand für die guten Stücke. Was für eine Idee! Da wurde jedes “Das ist aber ganz schön teuer!” mit simplen Fakten weggewischt. Das wollte ich mir näher angucken, das sprach mich und meine tägliche Erfahrung als Unternehmerin direkt an. Außerdem gab es in dem Laden auch noch eine Kunstausstellung, die brauchte schließlich Besucher.

Stuhlspiegel-Holz

Bei diesem Stummen Diener, eine Tischlerarbeit der Holzwerkstatt, musste ich übrigens an Magritte denken. Der ausstellende Bildhauer, von dem die folgende Skulptur stammt, war Franz-Josef Vanck aus Krefeld, dessen Arbeiten mich zum Teil ein bisschen an Giacometti erinnerte.

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Zeit, mit dem Tischlermeister zu sprechen. Marcel Wiehn war vielleicht etwas verdutzt, aber er hat bereitwillig meine Fragen beantwortet. 1981, direkt nach seiner Lehre, hat er sich mit einem Freund selbstständig gemacht. 1989 zog die Holzwerkstatt nach Finkelbach, wo es einen renovierungsbedürftigen Bauernhof gab. Aber das erzählt Wiehn am besten selbst.

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Wie ging es also los?

Wir hatten keine Finanzierungsplanung und keine Fremdmittel, sondern haben immer, wenn Geld übrig war, die nächste Maschine gekauft. Nach Frankelbach ging es, weil wir einen alten Bauernhof mit Garten fanden, der nicht kaputtsaniert war. Acht Jahre später haben wir die Scheune zur Tischlerwerkstatt ausgebaut. Dann stand der gegenüberliegende Hof leer, und wir haben ihn dazuerworben, die Scheune ausgebaut und zum Ausstellungsraum gemacht. Das Gute: Wir haben dort einen Trockenraum.

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Das heißt was genau?

Das Holz wird in Dielen angeliefert und besäumt. Wir schneiden also die Rinde ab, und dann kommt es in die Trockenkammer. Wenn das bereits gelagerte Holz beim Händler in der Lagerhalle sitzt, nimmt es wieder Feuchtigkeit auf, wie ein Löschpapier. Darum geben wir es noch einmal ungefähr 14 Tage in die Trockenkammer. Harte Hölzer wie Eiche brauchen länger, Erle geht etwas schneller.

Sobald der Ausstellungsraum da war, haben Sie angefangen, Künstler einzuladen. Wie läuft das?

Wir machen das seit 1996/97. Es gibt die unterschiedlichsten Kontakte, wir entscheiden nach Bauchgefühl. Ich bin ja kein Kunstkritiker. Wir besuchen selbst Ausstellungen, wir kontaktieren Künstler oder sie fragen uns. Wir bekommen auch viele Empfehlungen, wenn jemand zu uns passt.

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Und seit 2012 gibt es diesen Laden in Kaiserslautern.

Seitdem wir den Laden haben, hat sich viel verändert. Wir sind ja nur ein kleiner Betrieb, machen kein Kulturmanagement. Das passiert alles in unserer Freizeit.
Jahrelang gab es im Sommer und Winter eine Ausstellung und ein Konzert im Hof, in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Kaiserslautern. Seit 2,5 Jahren haben wir den Laden und damit die Aktivitäten in Frankelbach auf ein bis zwei Konzerte im Jahr reduziert. Die sind ganz unterschiedlich: Jazz, Klassik, gerade hatten wir Klezmer – wie es kommt und je nachdem, was zu uns passt. Auf jeden Fall keine Volksmusik. Das läuft gut, es kommen zwei- bis dreihundert Besucher pro Konzert.

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Der Grund, dass wir hier Künstler ausstellen lassen, ist auch zu fragen: Womit umgebe ich mich? Dazu gehören Möbelstücke, ein schönes Bild, aber auch Kleidung oder die Tasse, aus der ich meinen Espresso trinke. Derjenige, der sich gern mit schönen Möbeln umgibt, ist auch offen für angewandte Kunst und schöne Kunstobjekte – und umgekehrt. Derzeit haben wir meist eine Einzelausstellung mit einem Künstler, im Frühjahr und vor Weihnachten Gruppenausstellungen. Das wird in Kaiserslautern und der Pfälzer Region bis hin in die Frankfurter Gegend und das Saarland gut angenommen.

Die Ausstellung ist jetzt das ganze Jahr über im Laden.

Wir haben immer Möbel, die wir selbst entworfen haben. Die kann man natürlich auch so kaufen, aber sie sind auch Anregung, was möglich ist. Möbelgeschäfte, in dem die Inhaber selbst bauen, gibt es in wenigen Städten. Die Präsentation ist sehr wichtig, man muss das Holz anfassen und die Möbel sehen. Das ist das Wesentliche. Man muss das Rohmaterial sehen und begreifen, dass aus diesem Stamm jetzt eine Vitrine entsteht. So bekommt man einen anderen Bezug zu den Möbeln. Im Möbelhaus sehe ich zehn Regalwände, suche etwas aus und bekomme irgendetwas geliefert. Das ist etwas komplett anderes.
Ich komme auch bei meinen Kunden vorbei, investiere Zeit, wir lernen uns kennen. Die Kunden haben Ideen, ich mache Entwürfe – das ist bis zum Kostenvoranschlag unverbindlich. Dann kann sich der Kunde entscheiden.

Blumenvase-Holz

Ich bin ja neugierig geworden und in den Laden gekommen, weil die Arbeitsstunden auf den Preistafeln stehen. Das ist ungewöhnlich.

Es ging darum, Transparenz zu erzeugen. In dem Moment, in dem ich Materialbedarf und Arbeitsaufwand dazuschreibe, kommen wir ins Gespräch – und wir erfahren eine Wertschätzung. Die Kunden merken, wir sind ein Handwerksbetrieb. Da werden nicht irgendwie Holzplatten zusammengeschraubt, da steckt mehr hinter.

Ich kenne aus meiner eigenen Branche als Konzeptionerin und Texterin, dass es Menschen gibt, die viele Anregungen und Kostenvoranschläge holen, dann aber nie wieder kommen.

Man bekommt ein Gespür für die Kunden. Es gibt immer welche, die sich drei Zeichnungen machen lassen und dann woanders hingehen. Das ist unser Los. Aber durch den intensiven Kontakt haben wir gute Ergebnisse. Auch mit der Zahlungsmoral habe ich kaum Probleme. Ausschreibungen machen wir kaum mit. Da fehlt der persönliche Kontakt komplett, die Preisdifferenzen liegen bei 50-60%. Das ist vertane Zeit. Die investiere ich lieber in Kundengespräche, da ist die Erfolgsquote 8:10. Bei einer Ausschreibung liegt sie bei 1:10 und der Aufwand ist wegen des vielen Papierkrams immens. Da geht es nicht um Qualität, sondern um Zahlen.
Die Kunden vergleichen auch, aber wir haben eben keinen Zwischenhandel. Wir können daher viel ausgleichen. Wir agieren in einer Nische, in der wir existieren können.

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Was ist denn das Schönste für Sie?

Das Schönste ist zu sehen, was man mit den eigenen Händen machen kann. Ich habe viel Kundenkontakt, daher viel Einblick in anderer Leute Leben. Ich mache einen Entwurf, ich liefere an, ich sehe die Reaktionen. Die Rechnungsstellung am Ende ist natürlich auch schön.
Weil ich Angestellte habe, komme ich leider nicht mehr so viel in die Werkstatt. Ich bin nicht mehr vom Anfang bis zum Ende bei einem Prozess dabei – höchstens, wenn ich etwas für mich selbst baue.

Schön ist auch der Geruch: Jeder Dritte, der hier in den Laden kommt, sagt, es riecht so toll. In der Werkstatt ist das noch viel intensiver. Wenn man z.B. Kirschbaum aufschneidet, riecht es süßlich. Hölzer wie Eiche sind relativ streng, die reizen die Schleimhäute. Kirschholz dagegen ist angenehm. Es gibt so viele tolle Hölzer, ich weiß gar nicht, welches das schönste ist.

Vitrine-Holz

Haben Sie denn auch Kontakt zum Baum direkt, oder ist es eher das Holz?

Als Tischler arbeite ich natürlich am ehesten mit dem Holz. Manchmal bekommen wir Stämme angeboten, aber in der Regel ist es geschnittenes Holz. Vielleicht bietet uns jemand einen schönen Nussbaumstamm aus seinem Garten an. Wenn der erst fällt, muss man ja ein paar Jahre warten. Aber wenn der schon eine Weile liegt, können wir das Holz mit der eigenen Trockenkammer weiterverarbeiten.

Gibt es einen Traum, den Sie beruflich noch verwirklichen wollen?

Toll ist die Wertschätzung mit Laden und Ausstellung, wenn Leute sagen: Das ist eine Bereicherung für die Stadt. Hoffentlich gibt es das weiter, das wäre ein Riesenkompliment für uns. Alle Aussteller, die bei uns in Frankelbach auf dem Hof waren, kommen gern wieder. Ich mag es, all die Arbeiten, Ideen und Lebensweisen kennenzulernen. Das kann man nicht mit Geld aufwiegen.


Vielen Dank für das spontane Interview, über das ich übrigens die eigentlich geplante Stadtführung ganz verpasst habe! Aber eine Stadt erschließt sich eben nicht nur auf einem Weg. Danke auch für die beiden Bilder, die ich mir von der Website der Holzwerkstatt schnappen durfte.

Die nächste Ausstellung in der Holzwerkstatt wird abstrakte Acrylmalerei von Gerhard Lämmlin sein – sie läuft vom 10.10.-08.11.2014

Die Holzwerkstatt gibt es an zwei Orten: Der Laden ist in Kaiserslautern am St. Martinsplatz, die Tischlerei mit Ausstellungsräumen in Frankelbach.

Alle Termine, wie zum Beispiel die Holzwerkstatt vor Weihnachten ab dem 22. November mit vielen verschiedenen Ausstellern, gibt es auch hier.

07. Oktober 2014 von Britta Freith
Kategorien: Fensterblick, interview | 4 Kommentare

Kühe malen

Ich folge ihr schon lange im Internet. Genauer habe ich bei Maren Martschenko erst hingeguckt, als ich sah, dass sie Kühe malt. Das schrie nach einem Interview. Auf der re:publica in Berlin habe ich sie persönlich kennengelernt. Inzwischen weiß ich: Im Berufsleben entwickelt sie Markenauftritte. Außerdem ist sie ein leidenschaftlicher Mensch – ihr selbst verliehener Titel CEO für Chief-Enthusiasm-Officer passt perfekt. Jeden Freitag allerdings ist die dreifache Mutter im Atelier und bringt höchst farbenfrohe Kühe auf die Leinwand. Da darf man doch wohl fragen:

Maren Martschenko mit Kuh Pippa

Maren Martschenko mit Kuh Pippa

Die Kühe, wie bist du auf die Kühe gekommen?

Ich bin zwar in einem kleinen Ort außerhalb Münchens aufgewachsen, da waren aber keine Kühe. Im Grunde sind die Kühe zu mir gekommen, als ich mit meiner Malerei ein bisschen in einer Schaffenskrise war. Ich war auch gerade am Umziehen. Lange Zeit hatte ich Landschaften gemalt und hatte nicht mehr so recht Freude daran, wusste aber auch nicht, was ich sonst malen sollte. Dann war ich Ostern 2012 in einer Ausstellung. Dort hing ein riesiges Diptychon mit Kühen vor Bergen. Das hat mich magisch angezogen. So ein Bild wollte ich auch in meinem Wohnzimmer haben. Da war wie durch einen Zufall eine große Wand freigeblieben. Als ich vor diesem Kuhbild stand, wusste ich ganz genau, was dahin gehört und was ich malen werde.

Und jetzt hängt in deinem Wohnzimmer eine lebensgroße Kuh?

Die ist nicht lebensgroß. Das Bild misst 1,20 mal 1,60 Meter mit zwei Kühen auf einer Wiese.
Als der Entschluss feststand, hatte ich ja noch nie Kühe gemalt und dachte, ich kann das gar nicht. Jetzt fang ich mal klein an. Das ist typisch für mich: Think big, start small.
Dann habe ich angefangen, alte vollgestaubte Bilder aus dem Keller mit Kühen zu übermalen. Erst kleinformatige, dann wurden sie größer. Nach einem halben bis dreiviertel Jahr habe ich mich dann an das Bild für mein Wohnzimmer gemacht: Ich hatte noch nie so ein großes Bild gemalt. Das war echt eine Umstellung. Ich habe das dann aber ganz knackig und zügig hinbekommen.

Striche? Numbencore ist schon am ersten Tag unverkennbar eine Kuh.

Striche? Numbencore ist schon am ersten Tag unverkennbar eine Kuh.

War das freihand oder vorskizziert?

Zwar male ich freitagvormittags, aber die Bilder, die ich male, beschäftigen mich die ganze Woche. Da überlege ich mir: Was für Kühe male ich, wie male ich die, was für Farben sollen es sein… Dann mache ich erst auf einem Skizzenblock Skizzen. Um den Schwung  und die Proportionen reinzubekommen – wo fange ich an, sind es die Hörner, die Nase, der Bauch…? Es gibt bei jedem Motiv immer einen anderen Punkt zum Anfangen.
Wenn ich ein Gefühl dafür habe, wie das Bild aufgebaut sein wird, skizziere ich es auf dem Keilrahmen vor. Dann male ich es mit Farbe nach, damit die Linien klar hervorgehoben werden. Danach fange ich an, Licht und Schatten durch helle und dunkle Flächen zu markieren und so nach und nach das Bild aufzubauen.

Wenn man den Arbeitsprozess von dir beobachtet, erkennt man, dass du in Schichten arbeitest. So dass das Bild quasi wächst und dreidimensionaler wird.

Ein Maler, bei dem ich in meiner Anfangszeit einen sehr prägenden Kurs besucht habe, hat mal gesagt: „Wenn es im Groben nicht stimmt, kriegst du es im Kleinen nicht hin.” Das Lustige ist, dass ich im Grunde genau so beruflich arbeite. Wenn ich eine Marke entwickle, müssen auch erst die großen, groben Züge festgelegt werden, und irgendwann kann man dann ins Kleinklein gehen: Wie führe ich diese Marke, wo kommuniziere ich das. Viele machen es umgekehrt, fangen mit einer Facebookseite an und überlegen sich, was sie dort erzählen. Und dann wundern sie sich, dass es hintenraus nicht stimmt. So ist es mit den Bildern auch. Deshalb arbeite ich von Schicht zu Schicht genauer.

Numbencore im 7. Malschritt. Die Farben blieben eher natürlich.

Numbencore im 7. Malschritt. Die Farben blieben eher natürlich.

Als du dich den Kühen erstmals angenähert hast, wie bist du an sie herangegangen? Der Städter an der Koppel hat meist Angst vor Kühen. Die bewegen einmal den Kopf und dann rennen die Leute weg, weil sie denken „Jetzt greift sie an!“. Und nass ist die Nase auch.

Ich arbeite nach Fotos. Es ist wirklich superschwierig in der Natur. Die Kühe bewegen sich ständig, und sie sind wahnsinnig neugierig. Wenn du da stehst und sie merken, dass du dich mit ihnen beschäftigst, kommen sie sofort zu dir hin. Und dann senken sie den Kopf halb, so dass sie dich von unten anschauen. Da kannst du sie wahnsinnig schlecht malen.

Das heißt, du hast es ausprobiert?

Ich habe das auch mal ausprobiert, aber das hat nicht gut funktioniert. Zum Fotografieren habe ich nur ein Smartphone, da muss ich für Porträtaufnahmen schon ziemlich nah hingehen. Das hat dann den gleichen Effekt: Die Kühe kommen angelaufen und schieben mir nur die Nase hin. So entstehen keine guten Bilder. Das bedeutet, ich suche mir Motive anderswo. Mittlerweile schicken mir die Leute übers Social Web, über Instagram, Twitter oder Facebook, Kuhbilder zu, die sie gemacht haben. Das ist ganz fantastisch. So habe ich stets einen unerschöpflichen Fundus an Motiven.

So sieht Numbencore fertig aus. Schritt 13.

So sieht Numbencore fertig aus. Schritt 13.

Ich habe als Kind für eine Kuh erst ein querliegendes Oval gemalt, das wurde die Schnauze. Dann habe ich darauf einen Halbkreis gesetzt und die Hörner. Zusammen mit dem Körper sah das für mich mit 9 Jahren immer echt aus.

Kühe sind als Motive echt dankbar. Da sind die Nasenlöcher, die Nase, die Augen und dieser knubbelige, kugelige Körper. Wenn Nase und Augen im richtigen Verhältnis stehen, hast du das Wesentliche der Kuh erfasst. Das, was die meisten Leute anspricht, ist eh das sonnige Gemüt, diese dicke Nase, diese treuen Augen und der runde Körper.

Meine Kinderkuh kann ich noch heute.

Meine Kinderkuh kann ich noch heute.

Und was spricht dich persönlich am meisten an?

Ich habe das nie so genau reflektiert. Ich wusste nur, ich will so ein Kuhbild haben. Nach der ersten Serie und dem Bild fürs Wohnzimmer kamen die Leute und fragten, ob ich nicht eine Ausstellung machen will. Dann habe ich die Kühe ausgestellt und dachte, das Thema wäre durch. Aber am Freitag nach der Vernissage ging ich in mein Atelier und habe weiter Kühe gemalt – und tue es immer noch.
Ich bin Autodidakt, ich habe keine Kunstschule besucht. Ich bin eher ein Grobmotoriker beim Malen. Deswegen kommen mir diese einfachen Formen sehr entgegen.

Ich finde deine Kühe ja gar nicht so einfach, sondern ich finde, sie sehen wirklich nach Kuh aus – auch, wenn man vielleicht mit einigen Symbolen schnell eine Kuh zusammensetzen kann. Gerade, wo du doch keinen Kontakt zu Kühen hast.

Mittlerweile habe ich schon viel Kontakt zu Kühen. Ich habe zum Geburtstag von meiner Familie einen Tag im Kuhstall geschenkt bekommen. Wo andere mit Delfinen schwimmen gehen, blühe ich im Kuhstall auf. Ich habe mich sehr viel mit Kühen beschäftigt. Ich esse auch keine Kühe mehr, das schaffe ich mental nicht, sie zu malen und zu essen. Ich habe einen Almabtrieb mitgemacht, das war sehr faszinierend. Du gehst los in der Früh und es ist eine Horde von 30, 40 Kühen. Erst denkst du, die sehen alle gleich aus. Aber am Ende des Tages sind die so individuell, sie haben alle einen eigenen Charakter. Da gibt es die Munteren, da gibt es die Faulen, da gibt es die Verfressenen, da gibt es die, die immer mit den anderen zusammenhängen, da gibt es die Einzelgänger… Die sehen auch alle anders aus. Das sind richtig tolle Individuen, mit Charakter.

Ist es dir denn zum Beispiel wichtig, ob Kühe Hörner haben oder nicht? Beschäftigst du dich mit sowas?

Es kamen mit der Zeit immer mehr Leute auf mich zu und haben mir Links und Videos geschickt. Unter anderem auch einen sehr bewegenden Fernsehbeitrag über einen Bauern, der seinen Kühen nicht mehr die Hörner abschneidet. Am Anfang sieht man auf meinen Bildern auch noch Kühe, die keine Hörner haben. Aber mittlerweile male ich nur noch Kühe mit Hörnen. Das ist zwar für die Milchbauern und Züchter sehr praktisch, wenn die keine Hörner haben, weil die sich nicht wehtun können. Aber es tut den Kälbern, denen die Hörner zu einem sehr frühen Zeitpunkt entfernt werden, sehr, sehr weh. Das ist, als würde man uns einen Körperteil abschneiden.

 Es gibt ja auch genetisch hornlose Rassen.

Ich male meistens die Allgäuer Kuh, weil die so oft hier im süddeutschen Raum vor die Kamera läuft, das sind auch so schön grau-flauschige. Und die haben von Haus aus Hörner.

Hat das Kuhmalen dein Verhalten gegenüber Milch- und Käseprodukten verändert?

 Vegan bin ich nicht geworden, das habe ich nicht geschafft – was aber konsequent wäre, wenn man sich mit der Milchwirtschaft beschäftigt. Das ist eine Industrie geworden. Ich achte bei Milchprodukten darauf, wo sie herkommen, wie die Kühe aufwachsen, wie sie gemolken werden. Die Deutschen geben wahnsinnig wenig Geld für Milch und Milchprodukte aus. So eine Kuh kann bis zum Alter von 5 Jahren effizient gemolken werden – mit Futter, Haltung und dem Milchpreis, den der Bauer bekommt. Dann wird sie geschlachtet. Aber eine Kuh wird an sich 19-20 Jahre alt. Das ist schon etwas, das mich beschäftigt: Milchproduktkonsum reduzieren, auf Qualität achten. Aber ganz verzichten tu ich nicht.

Nachdem du von Bildern aus zu Kühen gekommen bist, habe ich jetzt den Eindruck, sie sind dir richtig sympathisch.

Ja, sie sind mir richtig ans Herz gewachsen! Sie sind für mich vom Lebensmittel zum Lebewesen geworden.

Aguasdimarco vom ersten Schritt bis zur endgültigen Kuh. Ein Logo hat Maren Martschenko als Malerin auch.

Aguasdimarco vom ersten Schritt bis zur endgültigen Kuh. Ein Logo hat Maren Martschenko als Malerin auch.

 

Du malst die Kühe unter Zuhilfenahme von Musik.

Im Atelier läuft immer Musik. Ich habe grundsätzlich immer rot, blau, gelb und weiß auf meiner Palette. Daraus mische ich alle Farben. Eines Tages malte ich eine Kuh, bei der hatte ich mir vorher nicht so richtig Gedanken gemacht. Diese Kuh wurde dann weiß, rot und blau und wirkte so mediterran. Da ist mir aufgefallen, dass im Hintergrund die ganze Zeit französische Chansons gelaufen sind.
Vorher war mir schon aufgefallen, dass es Musik gab, zu der ich überhaupt nicht malen konnte. Mainstream-Pop oder 08/15-Schlager.  Ganz anders die Filmmusik von Frida zum Beispiel: Zu der konnte ich immer malen. Dann habe ich meine Rechtsanwältin zufällig getroffen, die früher in einer Punk-Metal-Band gespielt hat, und habe ihr von meiner Idee erzählt: dass ich immer die gleiche Kuh male, aber immer ein anderes Lied höre. Und dann hat sie mir aus ihrem Repertoire ein Lied mitgegeben: Raining Blood. Dazu habe ich eine Kuh gemalt. Das war ein superintesives Erlebnis. Ich bin voll eingestiegen in diese Musik. Sie war der Beginn einer ganzen Serie von kleinformatigen, quadratischen Kühen zu verschiedenen Liedern. Das war wirklich spannend. Die Musik hat Farben und Pinselduktus beeinflusst. Mittlerweile male ich jede Kuh zu einem Lied. Im Vorfeld überlege ich mir nur noch, welche Kuh ich malen will. Ich weiß vorher nie, wie das Bild nachher aussehen wird.

Du hast gesagt, es gibt Tage, an denen bist du nicht so zum Malen aufgelegt. Zwingst du dich dann trotzdem dazu?

Zwingen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Man ist ja nicht immer gleich gut drauf. Manchmal fällt es mir schwerer, mich aufzuraffen. Ich weiß aber inzwischen, ich schaffe immer etwas. Und es tut mir einfach wahnsinnig gut den Pinsel in die Hand zu nehmen und zu malen. Es macht immer etwas mit mir. Ich lerne immer etwas über mich und das Malen. Ich mache das ja schon seit 7 Jahren immer freitagvormittags. Als ich noch angestellt war, hatte ich freitags frei. Als ich mich selbstständig gemacht hatte, musste ich mich tatsächlich manchmal zwingen, weil ich dachte, ich könnte Kunden nicht sagen, dass ich Freitag male. Aber irgendwann habe ich rausgefunden, dass die das total cool finden. Jetzt erzähle ich es auch ganz offen.

Du hast vorhin den Bogen zwischen deiner Arbeit und den Bildern geschlagen. Andersherum: Beeinflussen die Bilder auch deine Arbeit?

Auf jeden Fall! In meinem Büro sind natürlich auch immer Kuhbilder zu sehen. Wenn die Kunden kommen, sprechen wir über die Bilder. Die Bilder umgeben mich bei der Arbeit, das ist ein sehr, sehr schönes Gefühl. Ich tanke beim Malen auch immer sehr viel Energie oder ich baue Stress ab. Der Freitag ist ja der letzte Werktag in der Woche. Wenn es eine anstrengende Woche war, dann weiß ich, am Freitagvormittag kann ich durchschnaufen. Wenn ich eine Zeit lang nicht malen kann, weil ich geschäftlich unterwegs bin oder weil Ferien sind, dann fehlt mir richtig was.

Diese Kuh war es, die mich ursprünglich zu dem Interview anregte.

Diese Kuh war es, die mich ursprünglich zu dem Interview anregte.

 

Die Welt ist im ständigen Wandel, das weißt du bestimmt besonders gut. Kannst du dir vorstellen, dass die Kühe irgendwann mal vorbei sind, das etwas Neues kommt?

Ich bin da völlig schmerzfrei. Wenn das passiert, ist es gut, und für mich auch. So wie die Kühe plötzlich in mein Leben kamen. Aber im Moment ist es noch superspannend, weil ich merke, dass ich viel schneller meine Technik verbessere, seit ich nur Kühe male. Das Energielevel, das ich vorher aufgewandt habe in „welche Landschaft male ich, wie male ich diese Landschaft, welche Farben nehme ich dafür…?“: Diese Gedanken muss ich mir jetzt gar nicht mehr machen. Ich bin viel mutiger geworden. Meine Mitmal-Kolleginnen kriegen manchmal einen Schreck, wenn sie sehen, wie ich da über die Bilder gehe, und sind nachher immer überrascht, wie stimmig alles ist. Obwohl da die Farbe rinnt und meine Kühe natürlich Farben haben, wie sie nicht in der Natur vorkommen.

Also ist die Beschränkung eine Erweiterung?

Total. Je mehr ich mich beschränke, auch seitdem ich nur noch ein einziges Lied höre und nicht mehr ein ganzes Album – desto besser werde ich. Weil ich mich nicht mehr umstellen muss. Ich nehme tatsächlich nichts mehr wahr um mich herum, außer das Lied, das ich höre, und das Bild, das ich male.

"Einmal um die Welt" heißt das fertige Werk. Es hat sich gelohnt, nachzufragen, finde ich.

“Einmal um die Welt” heißt das fertige Werk, das hier in den einzelnen Stufen zu sehen ist. Ich mag übrigens den Schritt 5 in der oberen Reihe besonders gern. Es hat sich gelohnt nachzufragen, finde ich.


 

Angekuht? Dann habe ich einen Münchentipp: Vom 27. September bis 27. November hängen Maren Martschenkos Kuhbilder im Restaurant  Das Edelweiß in München-Obergiesing.

Eben erst entdeckt und nachträglich eingefügt: Die Facebookseite Painting in Progress. Da zeigt Maren viele Einzelschritte.

Und zu guter Letzt, weil es so unglaublich gut zu diesem Interview passt, noch ein Link zu einem sehr interessanten Artikel zum Thema “Menschen, Entfremdung und Kühe”.

02. Oktober 2014 von Britta Freith
Kategorien: interview, Kreativ sein, Rezeptionsbefehl | 4 Kommentare

Warum Apotheken vielleicht doch sterben werden

Glücklicherweise muss ich kaum in Apotheken. Ich bin eher der gesunde Typ. Und da ich es nicht einsehe, teure quellwasserhaltige Crèmes oder andere Kosmetika zu kaufen, sieht mich die Apothekerin bei mir um die Ecke eher selten. Nein, sie sieht mich genau nur, wenn ich Nasenspray brauche. (Ich nehme immer das für Kinder.) Alle anderen Dinge würde ich nie in “unserer” Apotheke kaufen. Für die durchschnittlichen fahre ich einen Stadtteil weiter, für die prekären etliche. In die Anonymität, in der mich niemand kennt. Denn Apotheke ist so:

“Guten Tag”
[ab hier unterdrückte Stimme, ablenkendes Wedeln mit einer unverfänglichen Salmipackung]
“knntn S mr btt ds Fßplzmttl gbn?”

oder wahlweise auch

[Stummes Hinüberschieben eines Rezepts, über das man nicht reden möchte.]

Der gute Apotheker oder die sensible Apothekerin verfällt ab diesem Punkt bitte in genau denselben Duktus. Ich brauche keine Kommunikation. Ich will das Zeux da, bitte, danke, braune Papiertüte, ich bin schon weg. Leider ist diese Art der Apothekenmitarbeiter im hiesigen Teil der Welt unbekannt. Oder ausgestorben. Oder beides.

“SIE HABEN SCHON ERFAHRUNG MIT DEM PILZMITTEL?!
– FRAU FREITH???!”

Ja, danke, liebe Mitwartende, wussten Sie übrigens, mein Name ist Freith, ich habe auch eine Website, da können Sie mein Bild…
Darf ich Ihnen meine Karte…?

Alternativ stehe ich dort mit meinem Rezept vor diesem kleinen Plexiglas-Tellerchen, unter dem Pinzetten oder Insektenschutzmittel zur Werbung dekoriert sind. Neben mir steht ein anderer Kunde vor ebenso einem Plexiglas-Tellerchen. Wir berühren uns fast. Immerhin werden wir individuell bedient, nachdem wir eine Weile hinter der gelben Linie gewartet haben, neben der das Schild “Privatsphäre achten!” steht. Der andere Kunde ist mir sehr unsympathisch. Besonders, weil er versucht, auf mein Rezept zu schielen. Und auf die Packungen, die mir der Apotheker schnell hinüberschiebt und dazu “und noch dies hier” murmelt. Der andere Kunde versucht unauffällig (überhaupt nicht unauffällig, du Sack!) die Schrift auf meinen Päckchen zu lesen. Ich wende mich zu ihm und spreche ihn freundlich an:

“Hatten Sie schon mal eine Analfissur? Echt unangenehm. Und eine schwarze Haarzunge erst! Nun ja, was soll man machen. Es kommt, wie es kommt. Setzen Sie sich bloß nie auf kalte Steine: Das gibt Hämorrhoiden. Schönen Tag noch!”

Entwaffnet hält der Herr vom Nachbar-Plexiglastellerchen mir die Apothekentür auf. Wir heiraten dann drei Jahre später.

NEIN, natürlich nicht. Ich trete dem Typen auch nicht vors Schienbein. Er kann nichts dafür, dass er eine gesunde Neugier hat und außerdem diese äußerst langwierige Nasennebenhöhlensache. Hat er sich ja nicht ausgesucht.

Ernsthaft, wann kommen in Laden-Apotheken endlich schallgedämpfte Bedienkabinen? In denen ich alles in Ruhe bekommen und fragen kann, ohne dass meine Nachbarn jedes Wort mithören. Und ohne dass ich mithören muss, dass meine Nachbarn allerhand Leiden haben, von denen ich nichts wissen will.
Wenn die Apotheken nicht bald auf diesen Trichter kommen, bestellen alle Leute nur noch online. Das liegt nämlich nicht an den Preisen. Das liegt an der Privatsphäre. Für mich jedenfalls.

25. September 2014 von Britta Freith
Kategorien: Meinung, Stilkritik | 13 Kommentare

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