Warum Apotheken vielleicht doch sterben werden

Glücklicherweise muss ich kaum in Apotheken. Ich bin eher der gesunde Typ. Und da ich es nicht einsehe, teure quellwasserhaltige Crèmes oder andere Kosmetika zu kaufen, sieht mich die Apothekerin bei mir um die Ecke eher selten. Nein, sie sieht mich genau nur, wenn ich Nasenspray brauche. (Ich nehme immer das für Kinder.) Alle anderen Dinge würde ich nie in „unserer“ Apotheke kaufen. Für die durchschnittlichen fahre ich einen Stadtteil weiter, für die prekären etliche. In die Anonymität, in der mich niemand kennt. Denn Apotheke ist so:

„Guten Tag“
[ab hier unterdrückte Stimme, ablenkendes Wedeln mit einer unverfänglichen Salmipackung]
„knntn S mr btt ds Fßplzmttl gbn?“

oder wahlweise auch

[Stummes Hinüberschieben eines Rezepts, über das man nicht reden möchte.]

Der gute Apotheker oder die sensible Apothekerin verfällt ab diesem Punkt bitte in genau denselben Duktus. Ich brauche keine Kommunikation. Ich will das Zeux da, bitte, danke, braune Papiertüte, ich bin schon weg. Leider ist diese Art der Apothekenmitarbeiter im hiesigen Teil der Welt unbekannt. Oder ausgestorben. Oder beides.

„SIE HABEN SCHON ERFAHRUNG MIT DEM PILZMITTEL?!
– FRAU FREITH???!“

Ja, danke, liebe Mitwartende, wussten Sie übrigens, mein Name ist Freith, ich habe auch eine Website, da können Sie mein Bild…
Darf ich Ihnen meine Karte…?

Alternativ stehe ich dort mit meinem Rezept vor diesem kleinen Plexiglas-Tellerchen, unter dem Pinzetten oder Insektenschutzmittel zur Werbung dekoriert sind. Neben mir steht ein anderer Kunde vor ebenso einem Plexiglas-Tellerchen. Wir berühren uns fast. Immerhin werden wir individuell bedient, nachdem wir eine Weile hinter der gelben Linie gewartet haben, neben der das Schild „Privatsphäre achten!“ steht. Der andere Kunde ist mir sehr unsympathisch. Besonders, weil er versucht, auf mein Rezept zu schielen. Und auf die Packungen, die mir der Apotheker schnell hinüberschiebt und dazu „und noch dies hier“ murmelt. Der andere Kunde versucht unauffällig (überhaupt nicht unauffällig, du Sack!) die Schrift auf meinen Päckchen zu lesen. Ich wende mich zu ihm und spreche ihn freundlich an:

„Hatten Sie schon mal eine Analfissur? Echt unangenehm. Und eine schwarze Haarzunge erst! Nun ja, was soll man machen. Es kommt, wie es kommt. Setzen Sie sich bloß nie auf kalte Steine: Das gibt Hämorrhoiden. Schönen Tag noch!“

Entwaffnet hält der Herr vom Nachbar-Plexiglastellerchen mir die Apothekentür auf. Wir heiraten dann drei Jahre später.

NEIN, natürlich nicht. Ich trete dem Typen auch nicht vors Schienbein. Er kann nichts dafür, dass er eine gesunde Neugier hat und außerdem diese äußerst langwierige Nasennebenhöhlensache. Hat er sich ja nicht ausgesucht.

Ernsthaft, wann kommen in Laden-Apotheken endlich schallgedämpfte Bedienkabinen? In denen ich alles in Ruhe bekommen und fragen kann, ohne dass meine Nachbarn jedes Wort mithören. Und ohne dass ich mithören muss, dass meine Nachbarn allerhand Leiden haben, von denen ich nichts wissen will.
Wenn die Apotheken nicht bald auf diesen Trichter kommen, bestellen alle Leute nur noch online. Das liegt nämlich nicht an den Preisen. Das liegt an der Privatsphäre. Für mich jedenfalls.

25. September 2014 von Britta Freith
Kategorien: Meinung, Stilkritik | 13 Kommentare

Kommentare (13)

  1. Ich finde das alles gar nicht so schlimm, aber wahrscheinlich habe ich irgendeine Störung. Mal den Apotheker fragen. Was ich aber wirklich lustig finde, ist, dass es von POsterisan, der Hämorrhoiden-Salbe, auf der das PO so schön deutlich hervorgehoben ist, mal einen Zettel gab, dem man dem Apotheker rüberschieben konnte. Ich hätte das so gern mal ausprobiert. Machst Du das mal für mich? Du scheinst das Zeug ja eh zu brauchen.
    🙂
    Gesa

  2. ehrlich gesagt, da ich die Apotheke meist nur für wahlweise das Schmerzmittel nach dem Zahnarztbesuch oder stinknormale Grippemedis (‚das macht gerade die Runde‘) betrete, ist mir das auch eher wurscht; was mich an Apotheken extrem nervt, ist das Beratungsgehabe wenn ich was kaufe. „Sie wissen aber schon dass Sie das nicht zusammen nehmen dürfen?“ und „Nur zwei am Tag.“ (nach anderslautender Verschreibung des Arztes, aber well). Plus die Frage, warum die lokale Apotheke im Stadtteil mir für 50 Gramm von $Salbe mehr abknöpft als der Versender für 100 Gramm… ich verstehe aber deinen Punkt, und sehe ihn auch noch aus einem anderen Blickwinkel: dem des Nichtwissenwollenden. Ich will nicht wissen was für Furunkel mein Kassennachbar hat und ob Frau Müllermeierschulze jetzt „Zuckertabletten nehmen muss und wie die Opiate auf ihren Stuhlgang wirken – echt nicht! Insofern bin ich schon aus Gründen der Mentalhygiene für mehr Diskretion…

  3. Warum interessiert Euch das nicht? Bin nur ich so neugierig? Ich höre da gern zu. Augenrollend zwar, aber ich höre zu. Und doch gern. 🙂

  4. Ich bin hin und her gerissen.

    Klar will ich nicht wirklich, dass alle wissen was ich habe und auch ich will das nicht von jedem Wissen. Aber führt diese Scham nicht dazu, dass wir denken, kein Mensch außer uns habe schon mal Hämorrhoiden gehabt? Keiner außer uns hätte sich schon mal einen Pilz eingefangen?
    Immer wenn ich dann doch mal mit irgendeinem Wehwehchen rausrücke, öffnen sich andere, erzählen von sich und wir tauschen aus, was wem geholfen hat. Erleichterung auf allen Seiten. Ein schönes Endgefühl für die anfängliche Hemmung und das Unbehagen.

    Aber natürlich, in der Apotheke, vor dem gruseligen, sabbernden Nachbarn, da möchte ich mich dann auch nicht outen. 😉 Ich sag ja, ich bin ambivalent bei dem Thema.

  5. schön geschrieben tatatat

    yesjess

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