Die Post ist Geschichte

Die Post ist Geschichte? Das sagt zumindest unser Postbote. Nennen wir ihn Herrn Hassenröther.

Briefe im Briefkasten

„Herr Hassenröther!“, sage ich. „Wie kann das sein? Ich habe am vergangenen Samstag am Flughafen Briefe verschickt, 20 Stück. Am Sonntag war Leerung. Einer kam am Dienstag zurück, der ging nach Dänemark. Ich hatte zu wenig draufgeklebt. Meine Schuld. Aber der erste Brief kam am Mittwoch beim Empfänger an, in Bayern. Die Hamburger hatten ihn erst am Freitag. Köln am Donnerstag. Am Freitag kam ein zweiter Brief Richtung Dänemark zurück, auch zu wenig Porto. Erst Samstag war der Brief Richtung Österreich wieder da, selbes Spiel. Herr Hassenröther, was läuft da schief?“

Herr Hassenröther sieht mich mit seinem immer gleichen Lächeln an. „Einsparungen,“ sagt er. „Die Briefe kommen mal so an und mal so. Das ist Zufall.“ Ich kenne meinen Postboten seit fast 20 Jahren. Er ist sogar einmal mit mir umgezogen, an der neuen Adresse war er wieder da. Seine Pause macht er vor meinem Bürofenster. 10 Minuten, 1 Zigarette. Zu Weihnachten gibt es selbstgebackene Kekse. Wir haben ein Vertrauensverhältnis.

„Aber Herr Hassenröther, dann muss sich die Post ja nicht wundern, wenn sie immer luschiger wird und die Menschen sie nicht nutzen!“
„Wer verschickt denn heute noch Briefe? Ich muss doch schon seit Jahren die Briefkästen mitleeren, weil sie auf der Strecke liegen. Es ist kaum etwas drin. Die Sendungen werden dann erst am Folgemorgen vom Laster weggebracht, weil ich zu spät zurück bin. Also brauchen sie mindestens zwei Tage. Es gibt ja die E-Post, die wird digitalisiert. Die können Sie nutzen.“

Ich stelle mir vor, wie die liebevoll gestalteten Briefe von irgendwem aufgerissen, eingescannt und per E-Mail verschickt werden und möchte das nicht. „Und mit dem Porto ist es so,“ fährt Herr Hassenröther fort: „Früher hatten wir EU-weit das gleiche. Aber auch die Postminister streiten sich, alle streiten sich ja in der EU. Also wollen die jetzt alle ihr eigenes Porto, jeder will etwas abhaben. Darum wird es teurer.“

Mein Adhoc-Wissen reicht nicht einzuschätzen, ob es tatsächlich noch Postminister gibt. Herr Hassenröther trägt eine blaugelbe Paketausträger-Kluft, fährt ein Postauto und hat eine Festanstellung. Verbeamtet, das hat er mir mal erzählt. Verdient nicht viel, aber hat regelmäßig Urlaub und bekommt wohl auch die Überstunden bezahlt. Vielleicht hat er noch einen Postminister

„Aber warum kommen die Briefe alle zu unterschiedlichen Zeitpunkten an und zurück, ich habe sie doch alle zusammen eingesteckt? Ein Freund hat noch gar nichts, der wohnt nur 30 Kilometer von hier.“
Herr Hassenröther ist die Treppe schon wieder halb unten: „Woher soll ich das wissen? Es ist, wie es ist!“
Ich rufe ihm hinterher: „Aber Amazon? Zalando? Doc Morris? Da läuft es doch auch!!“
Herr Hassenröther winkt mir aus seinem gelben Lieferwagen zu: „Wussten Sie, dass Sie Ihre Briefmarken individuell gestalten können? Geht ganz einfach online!“

18. März 2017 von Britta Freith
Kategorien: Arbeitsalltag | Schreibe einen Kommentar

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