Marsch nach draußen

Auf einmal alles weg

In der Nacht des 8. Juli hat eine Familie alles verloren, was sie liebevoll aufgebaut hatte. Ein Feuer fegte das Dachgeschoss, in dem sich ihre Wohnung befand, davon. Verkohlte Balken ragen in den Himmel, verbrannter Dreck, Schutt, heruntergefallene rußige Bretter türmen sich auf dem Kinderbett. Hier ist nichts mehr, wie es war. Hier ist nichts mehr. Carola, Oliver und ihr Kind konnten ihr Leben in letzter Sekunde retten, buchstäblich. Das ist auch alles. Aber das ist ja auch dankenswert viel.

Wir können ihnen gemeinsam helfen, denn jetzt zählt jeder Euro, damit die drei wieder auf die Beine kommen. Dafür gibt es ein Spendenblog. Bitte macht alle mit!

Technische Wunder bei Vodafone

Dieser Artikel könnte auch “Durchgangskreischen” heißen. Er beweist leider erneut, dass die Vodafone-Kundenbetreuung eine Art Kompetenzloch ist. Folgendes Telefongespräch hat sich eben gerade ereignet – etwas eingekürzt, um die Nerven der geneigten Leser zu schonen.

Ich brauche jetzt meine Tropfen.

———

Guten Tag, leider habe ich den Kennwort für meinen Internetzugang beim Umzug verloren. Ich bräuchte ein neues. Kann ich das bei Ihnen bekommen?

Ihr Gerät funktioniert nicht?

Doch, mein Gerät funktioniert. Aber ich habe mein Kennwort nicht mehr. Ich hatte es jahrelang nicht benutzt und es muss beim Umzug weggekommen sein. Ich brauche es aber, um mich einzuwählen.

Welches Kennwort?

Na, das Kennwort für den Internetzugang.

Da brauchen Sie kein Kennwort. Sie gehen einfach über Ihren Browser ins Internet.

Dafür bräuchte ich aber eine Internetverbindung.

Ja, das machen Sie über Ihren Browser. Geben Sie einfach die IP-Adresse ein.

Die IP-Adresse? Die wird doch in der Regel automatisch zugeteilt.

Ja, die geben Sie in den Internet Explorer ein.

Ich benutze keinen IE.

Oh. Auch egal. Geben Sie sie ein.

Gut, dann diktieren Sie mal.

[diktiert]

Ich bin nicht mit dem Internet verbunden.

Ach.

Nein, ich brauche ein Kennwort. Ihr Techniker gab sein eigenes ein, als er die Installation überprüfte. Und bat mich, ein neues zu beantragen. Ich habe hier auch eine Kennwortabfrage.

Aha. Na, dann geben sie da doch mal admin und 1234 ein.

Hab ich gemacht. Es sind die falschen Zugangsdaten, ich lande auf einer Vodafone-Seite mit einer Fehlermeldung.

Ah ja. Ziehen sie doch mal den Netzstecker raus.

Warum?

Ich muss ihren Anschluss durchmessen.

Aber der wurde doch gerade von Ihrem Techniker durchgemessen?

Mein Programm hier verlangt das aber von mir.

Ich hätte eigentlich nur gerne neue Zugangsdaten!

Das geht aber nicht. Ich muss erst durchmessen.

Ok. Ich habe den Stecker rausgezogen.

Leuchtet denn die Lampe am Gerät noch?

Ähm – nein, ich sagte doch, ich habe den Netzstecker gezogen.

Ja, dann ist ja gut.

[Fünfminütige Prüfung mit vielen Entschuldigen wegen der Dauer]

Ihr Anschluss ist in Ordnung.

Ja, ich weiß. Kann ich jetzt mein Kennwort haben?

Dann muss ich Ihnen aber ein neues Gerät schicken.

Warum? Ich will doch nur ein Kennwort.

Warten Sie mal einen Moment.

[Fünf Minuten Stille.]

Ihre Starterbox ist defekt.

Nein.

Doch. Das steht hier. Ich muss Ihnen eine neue zuschicken.

Dann hab ich doch aber immer noch keine Zugangsdaten.

Doch, die kriegen Sie dann neu.

Aber die ändern sich doch nicht mit der Peripherie? Sind Sie sicher?

Doch, die kriegen Sie dann neu. Die Box kommt dann am Freitag.

[Fortsetzung folgt sicherlich.]

Graphic Designer vs Client

Ein weiteres schönes Kapitel aus der Kreativenwelt. Ganz nach dem Motto: “Ich lackiere doch immer meine Fingernägel, ich weiß, wie Autolack geht.” Oder: “Meine Tochter schreibt so schöne Aufsätze in der Schule, die macht mir auch die Websitetexte.”


(via Felix)

Immer wieder gern genommen in diesem Zusammenhang: das legendäre Altweiß.

Besuch bei Dr. Johnson

Auf der Insel kennt man ihn, in Deutschland dagegen ist er so gut wie unbekannt: Dr. Samuel Johnson. “The Life of Dr. Johnson” von James Boswell ist im Grunde ein Must-Read – nicht nur, weil der hochintelligente, depressive, verfressene und überaus schräge Dr. Johnson auch im fortgeschrittenen und bebauchten Alter “rolling down the hill” spielt. Halten Eckermann und Goethe den Vergleich? Ich weiß es nicht, aber wenn es einen gibt, dann vielleicht den.

Besonders wichtig hier: Das Zitat. Unterschreib ich.
Besonders wichtig hier: Das Zitat. Unterschreib ich.

Ich jedenfalls war heute zufällig in Dr. Johnsons Haus, denn es lief mir über meinen Sightseeing-Weg. Ach ja, das weiß jedes Kind in Großbritannien: Dr. Johnson hat das erste brauchbare Dictionary der Englischen Sprache geschrieben. Die Mutter aller späteren Dictionaries sozusagen. Zwar gab es schon vorher Versuche, ein derartiges Kompendium zustande zu bringen, aber Beschreibungen wie von Nathanial Baley “Rot: Eine Farbe” oder “Maus: Ein bekanntes Tier.” waren nicht dazu geeignet, dauerhaft in die englische Geschichte einzugehen.

Johnsons Haus samt der dicken Kette zum Schutz vor unerwünschten Besuchern auf der Innenseite der Eingangstür steht erstaunlich gut erhalten am Gough Square in London. Eine Stiftung kümmert sich um das liebevoll gepflegte Museum.

An einem ruhigen, innenhofartigen Platz.

Das Schild an der Eingangstür ist bereits ausgesprochen sympathisch:

Nach einer Weile summt es tatsächlich, und man betritt einen zugestopften kleinen Eingangsraum, in dem heute eine ältere, ausgesprochen freundliche Frau am Tisch saß und uns anstrahlte. Es können nicht sooo viele Leute kommen – oder sie freuen sich dort einfach über jeden, der sich für Dr. Johnson interessiert. Die Räume scheinen dem ursprünglichen Original sehr zu entsprechen: Der Empfangsraum im Erdgeschoss eher dunkel, aber oben, im ersten und zweiten Stock, hell, freundlich und lichtdurchflutet. Ein Haus, das man liebt – und das den depressiven Schüben Johnsons sicher einiges entgegenzusetzen hatte!

Nach oben hin immer lichter.
Nach oben hin immer lichter.

Johnson stammte aus einer nicht sonderlich begüterten Familie und war dem Tod bei seiner Geburt gerade mal so von der Schippe gesprungen. Als Kind war er schwächlich und häufig krank; eine bestimmte Art von Tuberkulose führte dazu, dass er schlecht hören und sehen konnte. Der kleine Samuel war ein schüchterner und wohl ziemlich seltsamer Junge – das zweite Attribut immerhin behielt er bis ins hohe Alter bei. Aber als Erwachsener darf man sich ja bei entsprechender Intelligenz so einiges erlauben.

Dem Spieltrieb kann man in Dr. Johnsons Haus übrigens freien Lauf lassen: Sowohl für Erwachsene als auch für Kinder gibt es gregorianische Kleidungsstücke. Hab ich ausgenutzt.
Dem Spieltrieb kann man in Dr. Johnsons Haus übrigens freien Lauf lassen: Sowohl für Erwachsene als auch für Kinder gibt es gregorianische Kleidungsstücke. Hab ich ausgenutzt.

Ursprünglich wollte Johnson Lehrer werden. Aber die Eltern konnten das Studium nicht bezahlen. Das und angeblich auch seine hünenhafte Gestalt als Mann – die bei der gesundheitlichen Vorgeschichte erstaunlich war – ließ ihn keine Anstellung als Lehrer finden, so dass er sich mit Schriftstellerei über Wasser hielt. Unter anderem schrieb er für “The Gentleman’s Magazine” von Edward Cave – übrigens die erste Zeitschrift, der der Herausgeber die Bezeichnung “Magazin” verpasste, die bisher nur für Lagerhäuser gebraucht worden war.

1746 kam dann der Wendepunkt in Johnsons Leben: Der Dictionary-Auftrag. Johnson ging ihn tiefgreifender an als bereits erwähnte Vorgänger: Er durchflöhte alle möglichen Schriften und Bücher, die es bereits gab, sammelte Zitate, schrieb sie akribisch auf und ließ sie in sein Dictionary fließen. Die erste Auflage von “Johnson’s Dictionary of the English Language” enthält 110tausend dieser Zitate.

1575 Guineas bekam Johnson dafür von einer Gruppe von Auftraggebern – Geld, das hinten und vorne nicht reichte, auch wenn es auf den ersten Blick viel war. Aber Johnson brauchte anstatt der veranschlagten drei Jahre neun, um fertig zu werden. Er war ständig in Geldschwierigkeiten und hatte große Mühe, Zwangsvollstrecker (bzw. das Pendant des 18. Jahrhunderts dazu) abzuwehren. Schließlich zahlten seine Auftraggeber ihm einen Guinea für jede Seite, die er fertig ablieferte, in der Hoffnung, das Projekt schneller zum Abschluss zu bekommen.

Die Wörter in Johnsons Dictionary waren damals schon nicht alltäglich, zeigen aber seine fantasievolle und begeisterte Art, mit Sprache umzugehen:
Abliguration: A prodigal spending on meat and drink
Scaturiginous: full of springs or fountains
oder, mein Favorit:
Rhabarbarate: Impregnated or tinctured with rhubarb

Ein Haus voll von Bookcases. Ich will das auch!
Ein Haus voll von Bookcases. Ich will das auch!

Typisch für Johnson war, sich über Vorbehalte hinwegzusetzen. Einen schwarzen Sklavenjunge, der mit zehn Jahren aus Amerika in sein Haus kam und eine Attraktion in London gewesen sein muss, schickte er zur Schule, kümmerte sich persönlich um ihn und vererbte ihm später sogar einen Teil seines Vermögens – absolut ungewöhnlich im Europa des 18. Jahrhundert. Das Gleiche galt übrigens für die Wahl seiner Ehefrau: Sie war 20 Jahre älter als er, und die Ehe muss als Skandal angesehen worden sein. Trotzdem sprachen beide immer von einer Liebesheirat – dafür spricht auch das Unglück, in das ihn ihr Tod im Jahr 1752 stürzte.

Das Whatnot einer alten Freundin - ein Tisch zum Dekorieren von gesammeltem Krimskrams. Ich liebe die Bezeichnung Whatnot -
Das Whatnot einer langjährigen Freundin Johnsons – ein Tisch zum Dekorieren von gesammeltem Krimskrams. Ich liebe die Bezeichnung “Whatnot” – Was nicht sonst noch alles

Um nicht allein zu sein und um sich weder in seiner ausschweifenden Hypochondrie noch seinen tiefen Depressionen zu verlieren, umgab sich Johnson mit einem weiten Freundeskreis. Oft wohnten viele dieser Freunde bei ihm und Zeitgenossen beschrieben sein Haus als nahezu übervölkert. Der Run auf seine Person nach dem Erscheinen des Wörterbuches war groß – eine Art intellektuelle Groupies muss sich um Johnson geschart haben. Im Grunde war der oben erwähnte Boswell wohl nichts anderes – doch da er eben intellektuell war, konnte er zumindest ein Buch über die gemeinsamen Gespräche schreiben.

Der Withdrawing Room im ersten Stock. Die Doppeltür kann aufgeklappt werden, so dass mit...
Der Withdrawing Room im ersten Stock. Die Doppeltür kann aufgeklappt werden, so dass mit…
...gegenüberliegenden ebenfalls aufklappbaren Doppeltür ein drittes Zimmer, quasi ein Empfangsraum gebildet werden kann. So gibt es einen kleinen Flur, von dem rechts und links jeweils ein Zimmer abgeht.
… der gegenüberliegenden ebenfalls aufklappbaren Doppeltür ein drittes Zimmer, quasi ein Empfangsraum gebildet werden kann. So gibt es einen kleinen Flur, von dem rechts und links jeweils ein Zimmer abgeht.

Dr. Johnsons Meinung zum Schreiben war übrigens diese:

No man but a blockhead wrote, except for money.

I wonder, however, why so many people have written who might have left it alone.

To make dictionaries is dull work.

Flexibles Flimmern

Endlich habe ich es geschafft! Ich war beim Flexiblen Flimmern mit viel Spaß und erstklassiger Begleitung. Der Film war Themroc, ganz bemerkenswert, der Ort die letzten wenigen (zum Abbruch bestimmten) Häuser des Hamburger Gängeviertels. Konspirative Kreidezeichen auf dem Fußboden, über einen Klappstuhl als Treppe zum Vorführort, den kaputten Klavierhocker als Sitz mitgebracht, Orangina und Rotwein (getrennt, bitteschön) in angenehmster Atmosphäre. Die Strumpfhose unter der Jeans und die Wolldecke hätte ich mir sparen können – es gab Heizstrahler bis zum Hitzetod. Aber schön – schön war’s! Und ich geh wieder. Ich wusste immer, dass das Konzept mich überzeugt. Ganz meins. Danke, Holger Kraus! (Über den ich übrigens mal ein Kurzportait in der Hamburger Wirtschaft geschrieben habe.)

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