Schaf und Schwein

Ich habe meinen Schreibtisch aufgeräumt. Diesmal gründlicher als sonst, ohne Entschuldigungen, dass ich für dies und das keine Mappe habe. Die Prämisse war: alles muss weg, das keine Schreibtischbestimmung hat. Aber was ist mit diesem Schaf?

Schaf

Es hat drei Beine, so ein Billigteil, wie Kinder es als Belohnung beim Zahnarzt bekommen. Ich weiß nicht, wie es auf meinen Schreibtisch gelangte. Gesprungen ist es wohl nicht, mit nur drei Beinen. Ob ich mal eins ankleben wollte? Weiß ich nicht mehr.

Weil ich so unglaublich konsequent bin, wollte ich es erst wegschmeißen. Aber es tat mir Leid. Ich habe Netzwerkkolleginnen gefragt, was sie tun würden. Die Tipps reichten von in die Mülltonne bis in einen Bilderrahmen tun. Oder auf dem Blog verlosen. Soweit kommt es noch.

Es darf jetzt hier stehen bleiben. Ganz ohne Grund. Durch die Option es zu verlosen, hat es plötzlich einen ganz besonderen Wert. Schließlich ist es ein Gewinn – wenn ich es will. Auf dem Baumstamm im Beet steht schließlich auch das Schwein, das ich dort beim Umgraben gefunden habe. Das hat auch keinen Grund. Oder eben doch.

Schwein

25. Juni 2014 von Britta Freith
Kategorien: Arbeitsalltag, Garten | Schreibe einen Kommentar

Schlohweiß

Früher wohnte ich mit einem älteren Herrn im Haus, der immer sehr elegant war. Hemd, Krawatte, Anzug – und bereits schlohweißes Haar, als er tatsächlich noch ein älterer und kein alter Herr war. Ein Herr war er jedoch immer. Er war ausgesprochen höflich, grüßte freundlich und verteilte zu Ostern Schokoladeneier an die Kinder aus der Siedlung. Abends war er häufig unterwegs: Er hatte mehrere Abos für Oper und Theater. In den ersten Jahren fuhr er noch mit einem gepflegten weißen Audi zum Einkaufen. Später stand der Wagen in der Garage; er bewegte ihn nicht mehr. Er war nicht nur ein eleganter und höflicher, sondern auch ein sehr umsichtiger alter Herr. Denn als er diese Entscheidung traf, war er dem „älterer“ schon entwachsen.

Er ging nicht mehr ganz so oft ins Theater und in Konzerte, wenn auch raschen, entschlossenen Schrittes. Erst lag es an seiner kranken Frau. Nachdem sie gestorben war, ging er weniger, weil er selbst nicht mehr ganz so konnte. Außerdem hatte er viel um die Ohren: Schließlich war er im Kirchenvorstand, besuchte Vorträge und traf sich mit Freunden. Seine Theater- und Konzertkarten verschenkte er öfter in der Nachbarschaft, gerne an Familien mit Kindern.

Wir zogen aus der Siedlung fort, aber ich sah den Herrn mitunter auf dem Weg zur U-Bahn. Irgendwann erkannte er mich nicht mehr. Ich hatte die Haare anders und bestimmt konnte er nicht mehr so gut sehen. Das lässt ja nach, wenn man alt wird. Er wurde immer kleiner und sein Rücken ein bisschen rund. Aber die Anzüge saßen korrekt, Haltung und Frisur waren einwandfrei.

Später hörte ich, dass er gestorben war. Eine Nachbarin hatte ihn zum Ende versorgt. Es sei da nicht mehr so gut gegangen, es kam wohl auch ein Pflegedienst. Ganz einfach war das sicher nicht, schließlich wohnte er im zweiten Stock ohne Fahrstuhl. Wahrscheinlich konnte er nicht mehr raus.

Heute sitzt mir in der U-Bahn ein älterer Herr gegenüber. Er hat schlohweißes Haar, ist aber noch nicht alt. Nur fast. Er trägt einen Anzug und eine Krawatte. Und er hat Haltung. Diese bestimmte, edle.

24. Juni 2014 von Britta Freith
Kategorien: Fensterblick, In der U-Bahn | 4 Kommentare

Einseitige Gespräche (4)

Ich fahre zur Zeit vermehrt U-Bahn. Um mich herum brüllen Menschen haltlos in ihre mobilen Geräte. Ich schreibe mit.

Heute: junge Frau Anfang 20. Schlank, blond, gutaussehend. Weint.

Wo seid ihr denn?

Ich war gerade bei ihm. Hab ihm gesagt, dass ich eine Freundschaft nicht will und dass das unser letztes Treffen war.

Da hat er gesagt, dass wir ein ganz zartes Pflänzchen gerade kaputt gemacht haben.

Dann hat er gesagt, dass es für ihn sowieso schon durch war.

Will ich aber gar nicht.

Ich kann nichts wollen, wenn da mehr ist.

Dass ich die Chance hab, ihn besser kennenzulernen.

Weil er gemeint hat, es passt sowieso nicht. Andererseits hat er gesagt, er wolle nichts überstürzen. Weißt du, was ich meine? Weil ich mir dann wieder irgendwelche Hoffnungen mache.

Das will ich nicht, kann ich nicht.

Tschuldigung.

Nee.

Was oder?

Nein, bereuen tue ich das nicht, aber es tut halt irgendwie so weh. Ich meine, wir wollen beide das Gleiche, aber wir haben es irgendwie verbockt.

Ich gehe nachher zum Sport mit allen. Wo seid ihr denn? Warte mal, ich gucke mal auf den Plan.

Seid ihr direkt am Xplatz?

Wie heißt denn der Spielplatz?.

Ja, dann guck ich da nochmal.

Ja.

Ja.

O.k., bis gleich. Tschüß!

20. Juni 2014 von Britta Freith
Kategorien: In der U-Bahn | Schreibe einen Kommentar

Mimese

Als Mimese bezeichnet man die Anpassung des Äußeren von Tieren an ihre Umgebung. Sie schützen sich so vor Fressfeinden.

Hier ein krasser Fall von Stromkasten-Mimese. Entdeckt in Potsdam.

Stromkasten

Stromkasten1

Und dies ist die verantwortliche Firma. Tolle Sachen machen die.

19. Juni 2014 von Britta Freith
Kategorien: Garten, Reisen, Stilkritik | 2 Kommentare

Kein Vogel: das Lilienhähnchen

Wie ahnungslos war ich vor wenigen Tagen noch, als ich annahm, dieser Käfer sei nur hübsch und rot und flöge gleich weg. Den Nacktschnecken hatte ich Lilienhunger unterstellt, aber nicht diesem Gipfelstürmer. Aber es ist seine Schuld, ganz klar: Herr Rotpanzer heißt mit bürgerlichem Namen Lilienhähnchen (Lilioceris lilii) und hat nichts besseres zu tun, als all meine Lilien abzunagen. Bis auf den Stamm! Vergangenes Jahr hatte ich noch viele verschiedene, dieses Jahr sind es nur noch zwei. Bis auf eine waren sogar alle Kaiserkronen verschwunden. Und das, obwohl sie so scheußlich stinken.

lilienhähnchen

Typisch für das sechsbeinige Hähnchen. Noch mehr als der erwachsene Blattkäfer nagen und mampfen allerdings seine Nachkommen. Die sind sogar besonders perfide, denn sie verstecken sich unter einem dicken Kackahaufen. Entschuldigung, ich muss das so drastisch sagen, weil es mich so ungemein empört. Diese Fressmonster nutzen ihre eigenen Ausscheidungen als Hülle und werden so für mögliche Fressfeinde wie Vögel unappetitlich. Wobei ich meine Zweifel habe, dass Vögel sie überhaupt finden würden, denn sie sind sehr gut versteckt an der Blattunterseite. Da habe ich sie auch entdeckt, als ich erstmal wusste, wonach ich gucken muss.

Eier des Lilienhähnchens
Bild: GNU Free Documentation License, wikimedia, Cumulus7

Dass ich überhaupt weiß, um wen es sich handelt, verdanke ich Lena MuttervonSchendel, die mich auf meiner Facebook-Seite beriet. Sie hat mir auch erklärt, dass ich die Käfer vorsichtig absammeln muss, damit sie nicht wegspringen. Ich konnte das noch nicht ausprobieren, denn ich habe nur Larven gefunden. Die habe ich von den Blättern gestrichen. Das reicht offenbar schon, denn sie kommen allein nicht wieder zurück auf ihren Wirt und dann war’s das mit der Lilienhähnchen-Vermehrung. Vorsichtshalber habe ich all meine Lilien gründlich mit einem Wasserstrahl von unten abgespritzt. Guten Flug auch!

Mehr zum Lilienhähnchen bei Wikipedia.

18. Juni 2014 von Britta Freith
Kategorien: Garten | Schreibe einen Kommentar

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