Der Einzige, der blockt, bist du!

Dieser Text ist ein Beitrag zur Blogparade gegen die Schreibblockade von PR-Doktor Kerstin Hoffmann.
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Mein Nachbar ist Tischler. Seine Werkstatt grenzt direkt an unsere Garage. Jeden Morgen, wenn ich mein Fahrrad hole, höre ich ihn seine Frau anjammern: „Oh, ich weiß nicht, wie ich den heutigen Tag angehen soll. Ich kann nicht einen Tisch bauen. Mir ist so gar nicht nach der Säge – und schleifen? Welche Körnung soll ich nur wählen? Ich glaube, ich leg mich erstmal in die Badewanne. Kein gerades Brett bekomme ich heute aus dem Hobel. Ich habe eine fette Schreinerblockade!“

Klingt ziemlich schräg? Klingt sogar völlig unrealistisch? Stimmt. Es gibt den Nachbarn nicht, und ich glaube nicht an einen Tischler mit Schreinerblockade. Und, hier kommt die Wahrheit: Ich glaube auch nicht an Schreibblockaden. Ich halte sie für weinerlichen Quatsch. Berufliches Schreiben ist ein Handwerk, das man lernen kann.

Natürlich gibt es sehr begabte und kaum begabte beruflich Schreibende. Einige kommen nie über den einfachen Geschäftsbrief hinaus, andere verfassen Erfolgsromane. Dazwischen liegen selbstverständlich Welten. Dennoch: Wer mit Schreiben Geld verdient, beherrscht sicherlich ein gewisses Grundrepertoire. Auch dafür wird er oder sie bezahlt. Da fällt mir ein: Welche Sekretärin jammert wohl, dass sie ihren Standardgeschäftsbrief nicht hinbekommt? Eben.

Es sind also „die Künstler“. Jene, die „kreativ“ schreiben. Die einen besonderen Anspruch an sich haben, die mehr wollen. Lyrik, Prosa, Dialog – oder auch Werbetext. Schreiben um zu bleiben – oder um sich einen dieser berühmten Nägel aufs Regal zu stellen. Haben die denn keine Themen? Doch, haben sie. Ja, warum schreiben sie die dann nicht hin? Eben.

Arrogante Ziege? Ich? Nanana. Ganz so ist es nun auch nicht. Klar gibt es Tage, an denen ich nicht zum Anfang komme. An denen ich um den ersten Satz herumschleiche, als sei er eine giftige Schlange. An denen ich denke, ich kann nicht schreiben, ich konnte nie schreiben, ich werde nie schreiben können, bin komplett vermessen. Glücklicherweise hält dieser Zustand immer nur kurz an. Dauert er länger, nenne ich ihn Trägheit.

Wer nicht anfängt, wird auch nicht fertig

Klingt einfach? Ist auch so. Also schreib etwas hin. Irgendetwas. Ist egal. Zielführend ist, wenn es zum Thema gehört. Manchmal helfen auch Sätze wie „Heute möchte ich etwas übers Radfahren schreiben.“ (Wenn man etwas übers Radfahren schreiben muss.) Wenn man sich ganz klein macht, nur das Allereinfachste hinschreibt. So begibt man sich auf den Weg zum Thema. Das kann wirklich ganz, ganz banal sein, wenn einem denn partout kein vernünftiger Satz einfällt. Vielleicht so?

Gestern kam mein Chef und meinte, ich solle doch etwas übers Radfahren schreiben. Er hatte da so einen Fahrradladen aufgetan, in dem es Fahrräder mit Neonreifen gab. Über den sollte ich schreiben. Wirklich Lust hatte ich ja nicht, ich fahre lieber Auto, aber ich bin dann hingegangen, um mit dem Eigentümer zu sprechen…“

Stoppenlangweilig? Mag sein. Aber immerhin kommst du rein. Der Kram steht zum Schluss natürlich nicht mehr in der Reportage, die du für die Zeitung schreiben sollst. Er dient nur dazu, loszuschreiben, die Angst vorm ersten Satz zu verlieren. Klar, in der fertigen Reportage soll er so richtig krachen, die Leser in die Geschichte ziehen. Aber zunächst einmal soll es dich ins Schreiben ziehen, darum darf dein erster Satz brutal banal und öde sein. Schnarch! Mit Perfektionismus beginnt man nicht, man hört damit auf.

In der Mitte anfangen

Das ist wirklich sehr dienlich. Ich fange unglaublich gern an der allerspannendsten Stelle meiner Geschichte an. An dem Punkt, der mich am meisten fasziniert. Das ist auch so, wenn ich Unternehmens- oder Werbetexte schreibe. Auf irgendeine Stelle habe ich am meisten Lust. Die spare ich nicht auf, die schnappe ich mir zuerst. Dann bringt die Angelegenheit wenigstens gleich Spaß. Von meinem inneren Höhepunkt aus arbeite ich mich dann weiter vor, schreibe dieses Stück, jenes, finde Übergänge… Ein bisschen wie eine Patchworkdecke. Oder vielleicht ein großes Gemälde? Hat eigentlich irgendjemand mal gesagt, man soll am Anfang anfangen?

Fang bloß vorne an!

Stimmt, hat einer gesagt, mein ehemaliger Redaktionschef, dessen Namen ich nicht mehr weiß, an dessen Credo ich mich aber gut erinnere: „Erst die Überschrift, dann die Subline, dann die Einleitung, zuletzt den Text. Dann wissen Sie immer, wo Sie hin wollen.“ Am Anfang habe ich das nicht geglaubt, aber nach einer Weile hat es gut geklappt. Vor allen Dingen bei nachrichtlichen Texten ist es super. Da ist nämlich der erste Satz der wichtigste, alle anderen kann man von hinten nach vorne wegstreichen. Das ist praktisch, wenn das Layout beschließt, dass man statt 40 nur noch 20 Zeilen Platz hat. Schnipp, schon ist das Ende ab – und niemand merkt’s. Ist übrigens eine feine Übung für Schreibanfänger.

Erzähl es jemandem

Die Methode habe ich beim Radio gelernt. „Stell dir vor, du erzählst es deiner besten Freundin.“ Damit konnte ich übrigens jahrelang nicht wirklich etwas anfangen – warum hätte ich meiner Freundin denn von dem Verkehrsunfall in Bad Segeberg erzählen sollen? Oder vom Kaugummikönig in Wahlstedt? Beim Schreiben meines Gartenbuches vergangenes Jahr hat es mir aber enorm geholfen. Da gab es tatsächlich eine Freundin, für die ich geschrieben habe. Fast 200 Seiten muss man aber auch erstmal voll kriegen! Also habe ich ihr Abschnitte und Kapitel geschickt , damit ich die Ergebnisse zwischendurch abliefern konnte, ein Ziel hatte. Und beim Schreiben habe ich ganz viel an sie gedacht. Das war sicher stilbestimmend.

Setz dir Zeiten

Damit meine ich nicht die Deadline. Damit meine ich einen Rhythmus. Schreiben von 8-10. Nicht kürzer, nicht länger. Telefon aus, Internet aus, Kollegen aus. Wasserflasche neben dich,  vorher nochmal auf Klo. Wecker stellen. Und dann los. Es gibt nichts, was dich jetzt noch ablenken könnte. N.I.C.H.T.S. Du fängst an, du schreibst, und sei es irgendetwas. Zwei Stunden lang. Hopp!

(Warum den Wecker stellen? Weil man dann bestenfalls traurig ist, wenn man aufhören muss. Das nennt man Konditionierung – wenn es klappt.)

Im Kreis schreiben

Fand ich jahrelang furchtbar, das Ergebnis liest sich auch furchtbar und redundant, aber wieder geht es darum nicht. Meine halbe Jugend habe ich offenbar damit verbracht, im Kreis zu schreiben. Da gab es tagebücherweise Pamphlete voll Gejammer, dass ich nicht schreiben kann. Wirklich grauenhaft. Aber – das weiß ich erst heute – ich habe mich auf diese Weise frei geschrieben. Ich habe keine Angst mehr vorm Anfangen. Damals wusste ich das natürlich noch nicht. Da war mir mein Gejammere nur peinlich.

Die Position wechseln

Die Story muss raus, aber du findest den Aufhänger nicht. Das Produkt vor dir auf dem Tisch ist so langweilig wie Tante Helgas Einlagen. Es hilft nichts: Du musst deine Haltung wechseln. Erfinde einen dir möglichst fremden Charakter und konfrontiere ihn mit der Angelegenheit. Was denkt er? Warum findet er oder sie die Sache interessant? Gibt es eine völlig absurde, lustige oder erstaunliche Geschichte, die du um das Objekt deines Auftrags spinnen kannst? Bestimmt! Und von dort aus arbeitest du dann weiter.

Alle Sinne benutzen

Diesen Part muss man eigentlich schon während der Recherche anfangen, aber er funktioniert mit etwas Vorstellungsvermögen auch am Schreibtisch. Angenommen, es geht mit der Beschreibung einer Sache oder eines Vorgangs nicht voran. Das Bild wird nicht wirklich schön, immer fehlt noch etwas. Dann kann es sehr helfen, alle Sinne bis auf einen auszuschalten. Was hast du gehört? Was hast du mit den Fingern gefühlt, wie war der Boden, als du auf ihm langliefst? Wie hat deine Umgebung gerochen? Mit Glück kommen so neue Bilder.

Aber, wirklich vorsicht, dieses Mittel ist gefährlich, denn es kann direkt in die Stereotypenfalle führen. Wir benutzen dann ein abgegriffenes Bild, weil wir es schon oft gehört und gelesen haben. Aber glänzende Augen, nasses Laub und duftender Kuchen sind viel zu ungenau und verstaubt, wenn wir in die Garde der Feinschreiber aufsteigen wollen. (Wenn es allerdings tatsächlich nur darum geht, dass das Laub nass ist und man deswegen leichter ausrutschen kann, dann soll man es bitte auch schreiben und sich nicht in lyrischen Ergüssen verlieren.)

Zum Ende kommen

Muss ich hier, denn sonst liest ja kein Mensch mehr weiter. Außerdem wartet der nächste Schreibjob. Das ist jetzt abrupt, aber es muss sein. Wie man elegant zum Ende kommt oder wie man seine in frischer Schreibwut rausgehauenen Seiten zusammenkürzt, lernen wir dann das nächste Mal!

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Weitere Profistrategien gegen Schreibblockaden hat Kerstin Hoffmann wunderbarerweise in ihrem Blog zusammengetragen. An der daran angehängten Blogparade kann man bis zum 30.11.2013 teilnehmen.

21. Oktober 2013 von Britta Freith
Kategorien: Arbeitsalltag, Kreativ sein | 4 Kommentare

Kommentare (4)

  1. Pingback: Blogparade gegen die Schreibblockade | PR-Doktor

  2. Schreibblockade? …kommt oft vor. Meist wenn mir die Leidenschaft, das Interesse für das Thema fehlt…wenn nicht kommt Schreiben eher einem Wasserfall gleich :-)…

  3. Liebe Britta,

    wunderbar auf den Punkt geschrieben und sehr hilfreich für alle, die gerne schreiben wollen.

    Herzlichen Dank,

    Ulrke

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