Wandern und schreiben – das Interview

Ich schreibe gern draußen. In jeder meiner Taschen liegt ein Heft zum Vollschreiben. Kein Wunder, dass mir das Angebot „wandern & schreiben“ so gefällt. Zwei Netzwerkkolleginnen von mir haben es sich ausgedacht.

Collage_randlos_web

Dorothee Köhler und Sibylle Mühlke sind ebenfalls Texterinnen, und sie wandern gern. Ihre Idee: Warum bieten wir nicht Workshops für Menschen an, die schreibend wandern (oder wandernd schreiben) und sich dabei ein Stückchen besser selbst kennenlernen. Ich habe mich mit den beiden darüber unterhalten – leider diesmal nicht im Wald, sondern per Skype: Sibylle (S) in Berlin, Dorothee (D) in Mannheim, ich in Hamburg. Hier ein Selfie der beiden, als sie mal zur Vorbereitung zusammenhockten:

DSC_0340_klein

Einen Auszug aus dem Interview habe ich abgetippt, garniert mit einigen Fotos, die mir die beiden zur Verfügung gestellt haben. Normalerweise existieren von den Workshops keine Bilder, weil die Atmosphäre persönlich bleiben soll.

Das komplette Interview gibt es als Audio (ca. 17 min.). Das war erst nicht so geplant: Ich hatte das Interview nur mitgeschnitten, um nicht mittippen zu müssen. Aber dann war es so schön, und ich bin nur noch ein bisschen ordnend drübergegangen. Wer alles genau wissen will, hört sich bitte unbedingt das gesamte Gespräch an. Wir haben keine besonderen Mikros benutzt, bei mir war es das eingebaute Mikro meines Laptops. Normalerweise hätte ich einen größeren technischen Aufriss gemacht. Aber ich finde, es geht auch so ganz gut. Und ich kann mir vorstellen, es wieder zu tun.

 

 

Zunächst natürlich die Frage, die auf der Hand liegt: warum?

(S) Wir mögen das selber so gern, draußen rumzulaufen.

(D) Wir haben uns auf einer unserer gemeinsamen Wanderungen überlegt, wie wir das draußen Rumlaufen und das Schreiben miteinander verbinden können. Wanderführer schreiben oder so kam nicht infrage für uns. Da hatten wir die Idee, andere Leute schreiben zu lassen. Und Sybille hat erfahren, dass es eine Weiterbildung gibt, in der man genau das lernen kann. Wir sind nach der Ausbildung zertifizierte Leiterinnen von persönlichkeitsbildenden Schreibwerkstätten.

Wie aufwändig ist denn diese Ausbildung?

(S) Das ist im Fritz-Perls-Institut in der Nähe von Wuppertal. Die Ausbildung geht über zwei Jahre. Es gibt eine Grund- und eine Aufbaustufe, das sind jeweils vier Module. Dann machen wir noch ein paar Extrakurse.

(D) Insgesamt sind es acht mal vier Tage, dann kommt die Prüfung obendrauf und ein Psychopathologie-Seminar, das auch noch einmal drei Tage geht.

(S) Die Supervision sind auch nochmal drei Tage.

Aber am Wichtigsten ist den beiden die Idee:

(D) Das, was wir selber als so schön erleben, draußen unterwegs sein, in sich gehen, auf Gedanken kommen und Ideen weiterentwickeln: Das wollen wir weitergeben. Die Kombi aus Bewegung und Selbstreflexion ist einfach unschlagbar. Dass man geläutert zurückkommt. Von einem Tag, von mehreren Tagen, und einen aufgeräumten Kopf und eine entspannte Seele hat.

vonhinten

Liegt der Fokus für euch eher auf der Selbsterfahrung oder auf dem Schreiben?

(S) Um berufliches Schreiben geht es dabei am allerwenigsten. Wir begrüßen alle Leute in unseren Workshops, gerne auch die, die überhaupt noch nie geschrieben haben. Oder die mit einem gespaltenen Verhältnis zum Schreiben, weil sie zum Beispiel ein Schultrauma haben. Davon gibt es eine ganze Menge. Der Fokus liegt auf dem Schreiben zum Entdecken des Selbstausdrucks, auf der Reflexion.

(D) Was wir gar nicht machen ist literarisches Schreiben. Es geht nicht drum, Texte zu schreiben an denen wir mit den Teilnehmern weiterarbeiten.

Ich habe es so verstanden, dass die Texte privat bleiben. Dass sie nicht vorgelesen werden…

(D) Die Texte werden vorgelesen in der Gruppe. Aber das ist kein Muss. Jeder darf zu jedem Zeitpunkt selbst entscheiden, was er vorliest und wann er vorliest.

(S) Das Vorlesen ist schon ein toller Teil des Prozesses. Man schreibt da ja über Sachen, die einem relativ nah sind, und wenn man das dann vorträgt und sieht, dass andere Leute das teilen, ist das sehr bereichernd.

(D) Wichtigste Regel ist: Diese Texte werden nicht bewertet. Das ist sehr wohltuend. Denn wir sind ja in allen Bereichen der Gesellschaft gewohnt, Dinge zu bewerten und einzusortieren und bewertet zu werden. Da ist immer auch ganz viel Abwertung dabei. Jeder Mensch hat ja auch Angst davor. Das soll es in diesen Workshops nicht geben.


DSC_0314_sml

Wie fit muss ich für eure Workshops sein? Ich selbst bin total lauffaul, ich fahre lieber Rad. Schaffe ich das Wandern dann?

(S) Wir haben noch alle auf den Berg hochgekriegt! Leute mit normaler Fitness können mitkommen. Wir wandern auch gar nicht so große Strecken, wir sind relativ langsam unterwegs, weil wir zwischendurch immer Schreibpausen einlegen. Unsere Touren sind zwischen 7 und 10 km höchstens, verteilt über einen ganzen Tag. Das Tempo ist nicht rasant.

Wie läuft eine typische Veranstaltung ab?

(D) Bei einem eintägigen Workshop gibt es am Ausgangspunkt eine Anfangsrunde von einer Stunde mit Begrüßung, Vorstellung und einem ersten Schreibimpuls. Dann wird ein Stück gegangen, dann gibt es an einem geeigneten Platz einen nächsten Schreibimpuls, eine kleine Reflexionsrunde, und das machen wir unterwegs an zwei bis drei Stellen. Eine Stunde vor Schluss machen wir eine Abschlussrunde, wieder in dem Schreibraum vom Ausgangspunkt.

(S) Wir suchen die Wege relativ sorgfältig aus und suchen Schreiborte, an denen man gut sitzen kann, wo es schön ist. Die Landschaft ist ein wichtiger Akteur in dem Workshop. Wir haben jetzt einige Schwerpunktgegenden in der Märkischen Schweiz bei Berlin und in der Pfalz, aber wir könnten überall hinkommen.

DSC_0294_sml-Kopie

(D) Die märkische Schweiz ist eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch.

(S) Kleinteilig und auch so abwechslungsreich. Auf den relativ kurzen Strecken sehen die Leute unterschiedliche Landschaftsbilder. Das ist auch ein Naturschutzgebiet. Es ist ganz großartig da.

Bisher überwiegen Frauen von 45-55 unter euren Teilnehmern. Das liegt sicher auch an euren ersten Ansprechpartnern – ihr habt ja in diesem Jahr richtig gestartet. Aber ihr wünscht euch ein größeres Spektrum.

(D/S) Alle sollen kommen! Wir würden das gern auch mit jüngeren machen. Auch supergerne mit gemischten Gruppen und Leuten, die einen etwas komplizierten Zugang zum Schreiben haben. Denn auch wenn wir da kein Schreibcoaching machen, durch die Erfahrung des lockeren Schreibens ändert sich der Bezug zum Schreiben total. Das merken wir auch bei uns selber. Wir haben einen viel leichteren Zugang. Das stundenlange Kreisen um den Schreibtisch ist fast weg.

Habt ihr besondere Ereignisse, die deutlich machen, warum ihr wandern und schreiben so sehr liebt?

(D) Es ist immer der schönste Moment, wenn die Teilnehmer ihre Texte vorlesen. Jetzt bewerte ich das doch mal: Diese Texte sind immer so tief, zeigen so viel… Es ist auch oft so, dass Tränen fließen. Die Rührung ist nicht nur bei uns, sondern auch bei den Teilnehmern. Das sind die Momente, in denen ich denke: Genau so muss es sein!

(S) Geht mir ähnlich. Ich finde es toll, wenn die Leute neuen Zugang zu ihren Themen finden und Erkenntnisse mitnehmen. Ich finde es aber auch ganz toll, wenn sie in der Natur verteilt rumsitzen und ihre Sachen schreiben.

(D) Wenn sie im Wald sitzen, auf dem Boden oder auf dem Baumstamm, im Laub rascheln und in den Himmel gucken…

(S) Sehr konzentriert dabei sind.

die-idee-9741

Wenn jemand in der Gruppe weint, das könnt ihr auffangen durch eure Ausbildung.

(D) Da gibt es einige Interventionstechniken. Aber meist ist es so, dass es o.k. ist. Es kommt zu Gefühlsausbrüchen, aber das ist nicht so, dass dadurch der Workshop auseinanderfliegt oder jemand nicht weitermachen kann. Es ist halt wichtig, dass wir als Leiterinnen ein Gespür dafür haben, was als Intervention angesagt ist.

(S) Man kann einfach sein, wie man gerade ist. Es ist auch nicht seelenstripteasemäßig. Es ist auch oft sehr still. Vielleicht steckt sich mal jemand ein Tränchen ins Knopfloch. Aber es gibt nicht ständig Heularien. Stille Rührung ist eher anzutreffen. Und wir tun auch ganz viel dafür als Leiterinnen, dass die Gruppe sich als Gruppe zusammenfindet. Auch, wenn es nur Tagesworkshops sind. Ich steh dann nicht mehr mit wildfremden Menschen im Wald und lese Texte, die ich selbst geschrieben habe und die mich sehr berühren – das ist dann nicht mehr so, weil man sich wirklich wohlfühlt und gut fühlt mit den anderen Leuten, die da mit im Wald sind. Das klappt doch immer wieder gut.

(D) Wirklich sehr schön war, als wir in Buckow auf freiem Feld von einem Gewitter überrascht worden sind. Das hat uns mit einer derartigen Geschwindigkeit eingeholt, dass wir es nicht geschafft haben, uns vor dem großen Guss ins Trockene zu bringen. Wir sind dann durch den strömenden Regen sehr schnell geeilt bis zum Fledermausmuseum auf dem Julianenhof, wo uns die Museumsmitarbeiter sehr nett in Empfang genommen haben. Obwohl wir bis auf die Haut nass waren, durften wir rein und die haben uns einen Kaffee gekocht. Ich dachte, das war’s jetzt, jetzt wollen alle nach Hause. Stattdessen haben sie ihre nassen Jacken über den Zaun gehängt, saßen da mit tropfenden Haaren und fragten: „Und was schreiben wir jetzt?“ Wir haben bei diesem Workshop gelernt, dass wir niemanden mehr ohne Regenjacke mitnehmen.

(S) Aber wir haben zur Not auch immer einen Plan B in der Tasche: Abkürzungen, wetterangepasste Schreibimpulse.

Wie sieht so ein Schreibimpuls aus?

(S) Meist ist das ein Text, den wir lesen. Das kann ein kurzes Gedicht sein. Beim letzten Mal hatten wir auch einen naturkundlichen beschreibenden Text zu dem Tal, durch das wir gegangen sind. Dann geben wir dazu noch eine kleine Schreibanregung.

(D) Das kann man natürlich gut anpassen auf die Gegend oder aufs Wetter. Wir haben zum Beispiel immer ein Regengedicht dabei.

Unknown

Nochmal sicherheitshalber, für alle, die den Link in diesem Text nicht gefunden haben: www.wandernundschreiben.de lautet die Webadresse. Dorothee und Sibylle geben die Workshops natürlich auch individuell angepasst und auf Bestellung.  Eine Terminliste mit den nächsten feststehenden Veranstaltungen gibt es auch.

24. September 2014 von Britta Freith
Kategorien: Fensterblick, Kreativ sein, Lernen, Podcast, Reisen, Rezeptionsbefehl | Schlagwörter: , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Pingback: Ohren auf: wandern und schreiben im Interview | wandern und schreiben

  2. Pingback: Markierungen 09/25/2014 - Snippets

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert