Eine gruselige Geschichte
Ich erzähle es zu gern: Ich kenne tatsächlich einen Mann Anfang 40, der weiß haargenau, wie viele Monate er noch bis zur Rente hat. Möglicherweise hat er sogar die Tage ausgerechnet. Wenn wir uns unterhalten, erzählt er mir, worüber in seinem Job er sich gerade wieder geärgert hat. Meist sind das keine Neuigkeiten – er hat sich darüber auch schon vergangene Woche geärgert. Und vor zwei Monaten. Vor einem Jahr sowieso. Und vor fünf Jahren auch schon.
Vielleicht ist das ein Problem von Angestellten? Weil sie in Apparaten eingespannt sind, die sie nicht ändern können? Wenn ich besagten Mann frage, warum er denn nicht hier- oder dafür ein Konzept einreiche, um auch den ganzen Konzern voranzubringen (es ist eine sehr große Firma), dann zuckt er mit den Schultern und antwortet: “Aber wofür denn?” Die Strategie dieses Mannes ist, gerade so viel zu tun, dass er nicht auffällt, und genau so wenig zu tun, dass er nicht auffällt. Denn wenn man auffällt, kommt vielleicht der Rasenmäher und köpft den Wildwuchs.
Ein bisschen Angst hat dieser Mann. Denn er ist schon ungewöhnlich lange in diesem Unternehmen, die meisten wechseln früher. Vielleicht wäre es strategisch gerade noch klug zu wechseln, überlegt er. Aber er ist sich sicher, dass das mit Einkommensverlust gekoppelt wäre. Und dann könnte er seinen Lebensstil nicht halten, sein Auto wäre futsch – und immerhin verdient er ziemlich gut.
Ich habe lange überlegt, woher so eine Haltung kommt. Und heute vielleicht ein kleines Stückchen Antwort gefunden, an einem Reisebus. In diesen Reisebus stiegen viele Kinder, die für ein paar Tage auf Klassenreise fuhren. Die Kinder stürmten fröhlich und aufgeregt den Bus, eine untrennbare Masse. Aber die Eltern, waren sehr individuell. Eine Mutter drückte ihren Jungen, der noch einmal zurückgerannt gekommen war, und wünschte ihm viel Spaß. Das Kind tobte fröhlich davon.
Eine andere Mutter schrie: “He, komm zurück, küss mich!” Sie hatte ziemlich heruntergezogene Mundwinkel, diese Mutter. Ihr Sprößling kam mit einem sehnsüchtigen Blick zu den anderen angeschlurft, ließ den Kuss über sich ergehen und musste hören: “Man weiß nie, was passiert.” Pause “Benimm dich.” Pause “Und mach keinen Blödsinn.” Pause. “Ist doch wirklich war”, sagte die Mutter und ließ ihren Sohn gehen. Die anderen waren natürlich längst in den Bus eingestiegen.
Seitdem überlege ich, ob das eine Parabel übers Leben war. Und bin mir mal wieder sicher, dass ich den Satz “Aber das geht doch nicht” nicht ausstehen kann.