Ich habe einen Keks geklaut

Gestern feierte der Arche-Verlag in Hamburg seinen 70. Geburtstag. Das wäre für mich noch kein Grund gewesen hinzugehen, aber Pia Ziefle las aus ihrem neuen Buch (das ich wegen eines unfähigen Postboten noch nicht habe!) und das war die allerbeste Gelegenheit, sie endlich mal persönlich zu treffen. Online kennen wir uns schon länger. Ein weiterer guter Grund war, dass Gesa auch da war, und die mag ich gern. Außerdem hat sie auch schon über dieses Event geschrieben – dies ist nämlich ein Parallelposting.

Die Lesung war allerfeinst. Und das ist gut so, denn eigentlich mag ich keine Lesungen. Viele Autoren lesen nicht gut. Das ist auch nicht so schlimm, sie sollen ja schreiben. Aber weil ich nun mal gelernt habe zu lesen (Sprecherausbildung!), ist es für mich vielleicht noch anstrengender als für andere, schlecht gelesene Texte zu hören. Das ist dann oft schade, wenn die Texte nämlich gut sind, das nur komplett verloren geht. Mehr Sprech- und Lesetraining für Autoren also! (Fragt mich gern.)

Gestern habe ich keine schlecht gelesenen Texte gehört. Das war schön! Brittani Sonnenberg hatte als Amerikanerin zwar einen starken Akzent, aber sie hat fein betont und war überhaupt sehr sympathisch. Ihr Buch hat mich auch angemacht.

Heimflug

Pia hat eine enorme Bühnenpräsenz und muss sich wirklich gar keine Sorgen machen, dass sie schlecht rüberkommt. Ganz im Gegenteil. Dazu hat sie ein so ungeheures Wissen, dass… meine Güte. Recherchieren bildet enorm. Der Postbote soll sich bitte beeilen, damit ich nicht noch länger als sonst warten muss, denn sonst ist er nicht für immer mein Zusteller. So viel ist klar. Suna, den ersten Roman von Pia Ziefle, habe ich jedenfalls geliebt.

Länger als sonst ist nicht für immer

Meine Entdeckung des Abends war aber Michel Bergmann, dessen Lesegroupie ich werden könnte. Er schreibt super, er liest super. Reicht mir komplett. Leider konnte ich ihm nur beim Rausgehen Lob und Dank zuwerfen, während er telefonierte, ich hätte davor schon mit ihm reden sollen. Aber ich hatte mich mit Pia und Gesa festgequatscht. Immerhin freute er sich auch über diese nur im Wortsinn vorübergehende Anerkennung.

Alles was war

Verlags- und Literaturszene ist gar nicht meins, ich habe davon null Ahnung. Dennoch hat Ulrike Ostermeyer als noch fast neue Arche-Verlagschefin auf mich einen sehr angenehmen Eindruck gemacht, schon als Person wie ein frischer Wind. Ich kann mir vorstellen, dass sie einem Unternehmen gut tut.

Nahrung?

Aber nun zum Essen. Und zum Keks. Wie Gesa schon bei sich drüben beschrieb, hatten wir Hunger und wenig Zeit. Der Gastronomiebetrieb im Hamburger Literaturhaus heißt seit einiger Zeit Mercier und Camier und ist schlecht. Das möchte ich gleich auf den Punkt bringen. Einmal nach der Übernahme war ich dort frühstücken und schwor mir, dort nie wieder hinzugehen. Ich habe die Details verdrängt, aber es hatte nichts mehr mit den wunderbaren Frühstücken zu tun, die es früher im Literaturhaus gab. Teuer war es auch. Darum ahnte ich schon, dass ein Abendessen dort keine helle Freude wird. Ich hatte also eine Handvoll hausgemachter Bandnudeln mit 5 gehälfteten Kirschtomaten und Ziegenkäsebröseln für 12 Euro. Dafür hätten sie die Nudeln wenigstens zum Muster stricken können. Gesa entschied sich für den 10-Euro-Kuchen, den es als Dessert gab – in der irrigen Annahme, davon müsse sie dann wohl pappsatt werden. Leider waren es nur zwei Scheibchen mäßig schmeckenden Gebäcks auf einer zerdrückten Pflaume (Gesas Worte).

Später gab es noch ein Catering. Ach, da tat mir der Veranstalter Leid! Das kostet ja alles Geld. Lachsscheiben aus dem Supermarkt auf glibschigen, essiggeschwenkten Linsen. Vermutlich Beluga-Linsen, klingt ja besser. Schweinefleischfrikadellen, versalzen. Schweinefleisch-Saté-Spießchen auf Glasnudeln. Und zum Schluss einen gänzlich geschmacklosen Schokokuchen (wir reden von einem briefmarkengroßen Stück) mit einem aromatischen Obstfurz obendrauf. Es sah aus wie ein Obstfurz, nur fand Gesa, ich müsse das nicht auch noch sagen. Tu ich aber. Das Essen war schlecht und wurde auch nicht besser, indem es Kellner durch die Gegend tänzelten und in kleinen Schälchen reichten.

Warum geht nur niemand Ambitioniertes in diese Sahnelage? Warum teilen sie den Laden nicht auf, in oben und unten? Warum machen sie nicht etwas wirklich Gutes hinein – oder einen stilvollen Massenbetrieb, ein echtes Kaffeehaus? Was soll dieser armselige Kram? So traurig. Man muss sich veräppelt fühlen. Und der auf der Website angepriesene Patissier ist wohl schon länger krank. Kleiner Tipp: Lasst euch doch mal im Due Baristi das Rezept für den traumhaften Schokokuchen verraten. Der reißt was!

Ach, der Keks. Vorne in der Auslage lagen Kekse. Bezahlkekse. Es könnte sein, dass einer zum Schluss versehentlich in meinen Mund sprang. Könnte. Es hätte ihn nicht gerettet. Er war alt. Und ich schmecke ranzige Butter, wenn ich sie im Mund habe. Auch in Gebäck. 10 kleine Kekse waren gestern Nacht noch da, als ich ging. Rettet sie. Bitte.