Ich lese ja gerade Gantenbein

Zum ersten Mal habe ich “Mein Name sei Gantenbein” mit 15 gelesen. Eine Ausgabe, die meinem Vater für erfolgreiche gewerkschaftliche Tätigkeiten verliehen wurde. Ich nehme an, er selbst hat das Buch höchstens angelesen. Inzwischen steht es bei mir im Regal, schutzumschlaglos, aber geliebt, denn es war meine erste wirkliche Erfahrung mit moderner deutschsprachiger Literatur. Ein zweites Mal gelesen habe ich das Buch allerdings nicht. Ich hatte es ja in mich aufgesogen, kann immer noch Passagen zitieren.

Schon seit zwei, drei Jahren allerdings ist das Bedürfnis gestiegen, wieder in den Frisch hineinzugucken. Auch um zu überprüfen, ob ich als Fünfzehnjährige den Mann, der Geschichten anzieht wie Kleider, wirklich verstanden hatte. Anfang Februar dann habe ich mir das Buch endlich gegriffen, lese es jetzt aber nebenbei, im Abstand von Tagen, ja Wochen, hin und wieder mal zehn, zwanzig Seiten. Es ist, als träfe ich einen alten Freund wieder, so vertraut ist es.

Einer der Sätze des Buches ist mir besonders nah – seit 24 Jahren eine Art Motto:

Indem ich Gespräche erfinde, die ohne mich stattfinden, laufe ich
Gefahr, Menschen zu fürchten oder zu achten oder zu
lieben, je nachdem wie sie in meiner Einbildung reden,
wenn ich nicht zugegen bin.

Davor habe ich mich immer gehütet.