Geburtstagsglück

Manche Dinge machen mich nervös. Das Sitzen auf fremden Terrassen, während ich auf das Ende eines Kindergeburtstags in einem der besseren einkommensstärkeren Stadtteile Hamburgs warte, zum Beispiel. Ich weiß nie, was passiert. Ich weiß nie, ob mir nicht vor Smalltalk und Langeweile die Ohren abfallen. Ich weiß nie, ob ich mich daneben benehme. Es könnte passieren, und sei es nur, weil ich meine Mimik nicht unter Kontrolle habe.

Ich sitze also auf einer Kindergeburtstagsabholterrasse. Das abzuholende Kind fläzt noch vor dem Fernseher, der Kindergeburtstagsfilm ist noch nicht zu Ende. Ich und mein Abholbegleiter verweigern den Sekt am späten Nachmittag und nehmen ein schlichtes Wasser. Lockernder Alkohol in einer Risikosituation ist keine gute Idee.

Der Verlauf des Kindergeburtstags wird durchgekaut. Die Kinder haben sich nicht wie geplant verhalten; anstatt eine 15-Kilometer-Radtour zu machen, haben sie die Räder nach 500 Metern ins Gebüsch geworfen und sind aus dem Blickfeld des Vaters verschwunden. Er hörte Lachen und Kreischen aus dem Wald – undankbare Bande! “Wenigstens hatten sie ihren Spaß”, wende ich ein. Beinahe trifft mich ein tödlicher Blick, dem ich nur durch rasches Ducken ausweiche. Ich schlage meinem Begleiter sicherheitshalber vor, zwischenzeitlich Einkaufen zu gehen.

Wir kommen zurück. Der Film läuft noch. Einzelne Kinder müssen das Glotzzimmer verlassen, weil ihnen zu unheimlich ist. Die Geburtstagskindmutter triumphiert: “Ich habe doch gleich gesagt, wir sollten bei Sonne keinen Film gucken! Die Kinder brauchen frische Luft.” Ihr Blick fällt auf den Gartentisch. Blütenpollen, klebriges Gegruschel, tote Fliegen. Dazwischen unsere Wassergläser. Die Mutter kehrt um und zurück, mit Putzlappen und Platzset in der Hand. Der Geburtstagskindvater zieht die Augenbrauen hoch: “Du willst jetzt putzen? Du bist ungemütlich!” Er lacht dabei. Ich denke, er macht einen Witz und lege die Füße auf den Tisch. Sie kleben sofort oben fest. Verlegen löse ich die Schnürsenkel und stelle die nackten Füße auf den Boden, während meine Schuhe oben backen bleiben. Mein Begleiter zieht vorsichtig die Augenbrauen hoch, ich verhalte mich unauffällig. Der Geburtstagskindvater enteilt und kehrt mit einem Heißluftföhn zurück, um meine Schuhe zu lösen. Sie haben eine Gummisohle, es wird böse enden. Aber der Tisch ist ja aus Glas.

“Warum musstest du mit dem Putzen anfangen?” faucht der Vater die Mutter an. “Du achtest auf nichts, wie sieht es denn aus?” fährt sie zurück. Ich ducke mich verlegen im Stuhl, während der Vater mir meine verformten Canvas zurückreicht. “Selbst ist der Mann”, trompetet er in Richtung meines Abholbegleiters. “Hast du auch einen Benzinmäher?” “Ähm – Elektro.” “Taugt nichts!” ruft die Heißluftpistole. “Da fährt man ja immer nur über die Schnur!” “Ja,” gibt mein Begleiter zu und fächert zum Beweis die Rasenmäherrechnungen der vergangenen fünf Jahre auf seinen Knien auf. Die Heißluftpistole lässt sich in den Stuhl fallen, während seine Frau den Tisch dekoriert. “Soll ich mein Glas auf das Platzset…” frage ich. “Ich bitte darum!” bescheidet mich die Frau. Natürlich. Ich erinnere mich daran, dass sie mich vorhin zur Begrüßung links-rechts geküsst hat, also sind wir wohl sowas wie Freundinnen, obwohl ich sie kaum kenne. Dann hab ich wohl noch einen gut.

Vergeblich versuche ich, die Einstellung des Gartenstuhls zu verändern, während mein Begleiter sich sibyllinisch lächelnd einen Vortrag über Rasenmäherfaschisten anhört. Mehrere Abholväter stehen mittlerweile um uns herum und klatschen rhythmisch Beifall. Ich zerre die Armlehne des Stuhls nach oben und knalle unsanft nach hinten. Zum Glück stand dort niemand, nicht mal ein Blumentopf, so dass ich mir schlicht einen unteren Rückenwirbel herauskatapultiere. Schwein gehabt!

Über Kopf sehe ich, wie ein schmutziges Kind aus dem Garten hereinschlurft. Es bildet einen wundervollen Kontrast zur weißen Stoffcouch, auf die ich durch die geöffnete Terrassentür blicke. Die schwarzen Fußspuren auf der Hochflorschlingenware sind ebenfalls eine interessante Designidee. “Meine Möbel!” kreischt es von drinnen. Das Kind wird, offenbar mit einen ausgeklügelten Mechanismus, durch die Terrassentür katapultiert. Aus dem Wohnzimmer tönt die Schlussmelodie von Starwars.

Mein Begleiter hat sich erhoben. Ich erschließe es aus mir bekannten Knien in meiner Augenhöhe. Ein Gesicht schiebt sich vor meins: “Ich glaube, wir können gehen.” Er schätzt die Lage richtig ein, greift unter meine Arme, stellt mich in die Senkrechte und dreht mich Richtung Ausgang. Mein Sohn kommt mit ausdruckslosem Gesicht angeschlendert. Er lächelt Geburtstagskindvater und Geburtstagskindmutter mechanisch an, kassiert eine zusammengebundene Serviette mit Süßigkeiten, sagt “danke” und “bis zum nächsten Mal” und geht zu seinem Fahrrad.

Kurz bevor ich mit der Nase die Waschbetonfliesen treffe, merke ich, dass ich aufgefangen werde. Die Geburtstagskindmutter küsst mich links-rechts, während ich über einer verständnisvollen Schulter baumle. “Bis zum nächsten Mal! Schön, dass ihr da wart!”

Ja, sicher.